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[Selfpublishing #3] Kann ich als Autorin wirklich frei sein?

Ein einsamer Cowboy reitet in den Sonnenuntergang. Das Foto ist von pixabay.
Muss man Cowboy sein, um sich wirklich frei zu fühlen? | Foto: pixabay.com

Selfpublishing löst meiner Erfahrung nach die unterschiedlichsten Assoziationen aus. Ich möchte in den nächsten beiden Beiträgen auf zwei Aspekte eingehen, die ich persönlich mit Selfpublishing verbinde: Freiheit und Selbstverwirklichung. Beide werde ich aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. In diesem Beitrag habe ich mir auch Rückmeldung von Kolleginnen aus dem Autorinnenclub eingeholt, um nicht zu einseitig zu schreiben.

»Freiheit« ist für mich ein ganz wichtiger Begriff. Das ist für mich etwas, das ich in meinem Leben brauche wie die Luft zum Atmen. Vielleicht liegt es an meinem Sternzeichen (Wassermann), vielleicht ist es ein Charaktermerkmal. Wer weiß das schon? Kehren wir zum Thema zurück, dem Selfpublishing unter dem Aspekt »Freiheit«. Sofort denke ich an Aussagen wie: Keiner redet mir rein. Ich kann schreiben und veröffentlichen, was ich wann und in welcher Form auch immer will. Und ich kann meine Preise selbst festsetzen.

Was ist dran an der Freiheit für Selfpublisher?

Die Frage ist nur, ob das tatsächlich auch so ist? Oder zerplatzen diese »Ideen«, wenn ich sie einer genaueren Überprüfung unterziehe?

1. Keiner redet mir rein. Ich kann schreiben und veröffentlichen, was ich wann und in welcher Form auch immer will.

Stimmt. Als Selfpublisher liegt die Verantwortung für Dein Buchprojekt allein in Deiner Hand. Du bist dafür zuständig, vor dem Schreiben zu überprüfen, ob das Thema markttauglich ist und Du wirklich weißt, worüber Du Dich auslässt. Du bestimmst, ob Du Deine Zielgruppe gut genug kennst und ihren Bedarf mit dem Buch wirst decken können. Auch das Plotten, Überarbeiten, Korrekturlesen, Formatieren und Veröffentlichen liegen ausschließlich bei Dir. Der eine findet das »geil«, der nächste zerbricht daran und bräuchte eigentlich Schreibbuddys oder einen Literaturagenten zum Brainstormen und anschließendem Feintunen und danach vielleicht einen Verlag, der ihm die »Arbeit« nach dem Schreiben abnimmt. Beide Bedürfnisse sind in Ordnung; Du solltest Dir ihrer nur bewusst sein und dementsprechend handeln.

2. Ich kann meine Preise selbst festsetzen.

Klar. Niemand schreibt Dir vor, ob Du Dein Werk für wenige Cent oder für fünfzehn, zwanzig oder gar mehr Euro anbietest. Du kannst es sogar verschenken; niemand redet Dir da rein. Das ist allein Deine Entscheidung. Du bist der Herr oder die Herrin Deines Autorenweges.

Ob Du damit Umsatz und hoffentlich auch Gewinn machst, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Das ist — zumindest ein wenig — die Kehrseite der Medaille. Es ist Deine Aufgabe, den für Dein Werk optimalen Preis festzusetzen, sodass Käufer noch gewillt sind, das Buch zu erwerben, Du aber finanziell auch etwas davon hast. Im Idealfall einen gesunden Gewinn, der den Wert Deiner Arbeit unterstreicht.

Auch Geld ist ein Aspekt von Freiheit

Geldscheine in Gestalt von Zahnrädchen wirbeln durch einen Kopf. Das Foto ist von pixabay.
Foto: pixabay.com

Beim Thema »Geld« kommen wir zu einem weiteren Punkt, der mit der Freiheit des Selfpublishings in Verbindung steht. Wenn ich das Autor- oder Autorinsein tatsächlich als Hauptberuf ausübe, bin ich — steuerlich betrachtet — »freiberuflich« tätig. Dann bekommt der Begriff »Freiheit« noch eine ganz andere Bedeutung, wie meine Kollegin Margaux Navara schreibt:

 

»Natürlich bedeutet der Beruf der Autorin an sich Freiheit. Wie jeder ›Freiberufler‹ darf ich mir die Zeit selbst einteilen und kann entscheiden, wie viel und welche Zeit eines Tages ich letztlich mit Schreiben verbringe und wie viel ich für Buchhaltung, Marketing und Social Media oder Recherche investiere (oder im Café sitze und Menschen beobachte, wenn mir danach ist).

Trotzdem habe ich den gleichen Druck wie jeder andere Berufstätige. Ich setze mir selbst Termine, denn wenn ich nicht mit neuen Büchern nachlege, geht das Einkommen nach unten. Wenn ich nicht werbe, egal ob auf einem Blog oder Social Media, oder einfach nur kommuniziere, geht das Einkommen nach unten. Wenn ich meine Buchhaltung nicht in Ordnung bringe oder Messen ordentlich vorbereite, bricht früher oder später das Chaos aus. Vieles ist verpflichtend, nicht nur das Schreiben.«

 

Genau damit hat Margaux recht: Wer als freier Autor oder Autorin unterwegs ist, egal ob durch das Selfpublishing, als Verlagsautor oder Werbetexter, Journalist etc., muss sich selbst organisieren. Er oder sie ist selbst dafür verantwortlich, dass alles läuft.

Was will der Markt?

An diesem Punkt kann es dann durchaus vorkommen, dass von der idealisierten Freiheit des Selfpublishings im Alltag nicht mehr viel übrig bleibt. Viele Autoren und gerade Selfpublisher müssen neben dem Schreiben noch einen Brotberuf ausüben, der sie finanziert. Natürlich kannst Du nachts und am Wochenende schreiben, wenn Deine Familie das toleriert oder Du (noch) keine hast, aber ist es das wert? Überspitzt gesagt, gibt Dir das Selfpublishing die Freiheit zu verhungern — oder das zu schreiben, wonach der Markt giert. Und das bitte in möglichst kurzen Zeitabständen, damit Dich Deine Leser und Leserinnen nicht vergessen. Ist das noch Freiheit?

Die Freiheit, die Du Dir kaufen kannst

Oder Du kaufst Dich wieder frei. Damit meine ich, dass Du Dir als Selfpublisher Unterstützung einkaufen kannst bzw. musst, wenn Du es professionell angehen willst. Im Grunde ist der Selfpublisher ja nicht nur Autor, sondern auch Lektor, Korrektor, Buchlayouter, Coverdesigner und Marketingprofi. Falls (und nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass …) Du nicht alle diese Fähigkeiten beherrschst, kannst Du sie dazu buchen. Die entsprechenden Dienstleister gibt es heute. Zum Glück!

Meine Kollegin (und selbstständige Lektorin) Eva-Maria Nielsen formuliert das so:

 

»Das, was meine Freiheit ist, ist auch meine Begrenzung. Ich darf und ich muss alles machen oder zumindest dafür bezahlen. Ich muss alleine plotten, habe dafür keinen Lektor. Ich muss mir selbst ein Testleserforum aufbauen und PR machen. Das ist sowohl schön, als auch nervig, wenn ich gerne nur schreiben möchte und mich darauf konzentrieren will. Es geht viel Zeit mit der ganzen Buchproduktion und dem Vermarkten verloren. Ich habe so nicht immer die Fachkräfte hinter mir, die meinen Rücken stärken, wie man es hoffentlich im Verlag macht. Man muss als Selfpublisher ein guter ›Networker‹ oder ›Teamplayer‹ sein. Ich liebe es, aber oft finde ich es auch ermüdend, weil ich ein Leben auf vielen Gleisen lebe.«

Fazit

Die Freiheit des Selfpublishing hat eindeutig ihren Preis — sowohl finanziell als auch mental und körperlich. Wer diese Freiheit wirklich komplett alleine auskosten und leben will, hat einen beschwerlichen Weg vor sich. Ich glaube, das Schreiben von Büchern geht nur gemeinsam. Natürlich ist der Autor — heute wie gestern — derjenige, der den Inhalt »produziert«. Aber wo früher ein Verlag angesetzt hat, der vom Autor das Rohmanuskript übernahm und weiter bearbeitete, muss sich der Selfpublisher einen Pool von Unterstützern aufbauen. Das können bezahlte Profis sein oder auch engagierte Privatleute, kurzum passionierte Leser und Leserinnen, die ihrem Lieblingsautor gerne helfen und ihm dadurch ein gutes Stück näher kommen.

Networking ist für moderne Autoren in Gestalt des Selfpublishing das A und O — neben dem erstklassigen Werk, denn sonst hätte der Autor nichts Adäquates zu vermarkten. Eine beachtliche Herausforderung, der ich persönlich mich mit Begeisterung stelle.

Die nächsten Teile der Beitragsreihe erscheinen jeweils exklusiv am Monatsende im Newsletter und zur Mitte des Folgemonats hier auf dem Blog.

  1. Mein Weg ins Selfpublishing
  2. Was unterscheidet den Verlagsautor vom Selfpublisher?
  3. Wie steht es um die Freiheit als Selfpublisher wirklich?
  4. Ist Selfpublishing der Weg zur Selbstverwirklichung?
  5. Wie sieht es mit der Arbeitsbelastung aus?
  6. Gibt es Konkurrenz unter verlagsunabhängigen Kollegen?
  7. Wo findet das Marketing statt?
  8. Wie kommen Indie-Bücher in den Buchhandel?
  9. Lesung gesucht – der Selfpublisher und der Kontakt zu Leser*innen

Du hast weitere Vorschläge oder Wünsche? Dann schreib sie mir gern in den Kommentarbereich. Genauso Deine Meinung zum Thema.

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