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[Selfpublishing #2] Auf der Suche nach dem echten »Autor«

Autor ist Autor und Schriftsteller ist Schriftsteller. Stimmt das? Wenn ich davon ausgehe, dass Autorsein eine Berufung ist und kein Beruf, dann — denke ich — kann man das so sagen. Doch wer mit dem Bücherschreiben und -veröffentlichen Geld verdienen will oder wahlweise Ruhm, Ehre oder Selbstbestätigung sucht, für den mag das ein wenig anders aussehen.

Inwiefern das denn?, fragst Du Dich vielleicht. Ich werfe mal einen Begriff in den Raum: »Hobby-Autor«. Schon mal gehört? Einen Autor, der als »Hobby« Bücher schreibt und veröffentlicht, gibt es erst seit ein paar Jahren, genauer gesagt seit dem Auftauchen des Selfpublishings. Davor hatten Verlage die Entscheidungshoheit darüber, ob ein Manuskript angenommen und verlegt wurde. Waren das dann »professionelle« Autoren? Ja und nein. Sie haben möglicherweise nicht viel verdient (von fünf, sechs oder maximal neun Prozent des Nettoladenverkaufspreises eines Buches reich zu werden, ist nicht einfach), aber sie waren »ernstzunehmende« Autoren. Sie hatten den Ritterschlag durch einen Verlag erhalten und somit also »etwas zu sagen«.

Neue Zeiten sind angebrochen

Und nun haben wir also seit 2012 auch solche Autoren, die einfach so aus Spaß schreiben und selbst veröffentlichen — neben ihrem Hauptjob, mit dem sie ihr Geld verdienen. Sie wollen schreiben, wollen ihre Geschichten und ihr Fachwissen mit der Welt teilen, wollen oder können aber nicht auf die finanzielle Sicherheit ihres Brotberufs verzichten. Für sie ist das Schreiben offiziell ein Hobby, das sie ganz entspannt ohne Zusatzkosten im Alleingang ausleben können. So wie andere malen, in einem Chor singen oder im Sportverein etwas für ihre Fitness tun. Das Selfpublishing hat die Autorenwelt ein Stück weit emanzipiert. Wir können schreiben, worauf wir Lust haben, und jedes Wort in Buchform hinaus in die Welt schicken.

Schreiben kann heute jeder

Höre ich da was von »mangelnder Qualität« und »Schund«, die sich seit dem Aufkommen des Selfpublishings über die Leser und Leserinnen ergießen? Mitunter ja, denn das lässt sich nicht vermeiden, wenn Otto Normalverbraucher und Lisa Musterfrau ihre Fantasie ungefiltert in die Tastatur tippen. Konzeptionelle Arbeit, Qualitätsprüfung, Überarbeitung, Lektorat und Korrekturlesen sind nicht Teil des kreativen Schreibprozesses; sie kommen im Anschluss daran und sind ursprünglich Teil der Verlagsarbeit bzw. der Zusammenarbeit zwischen Verlag und Autor oder Autorin.

Hier kommen die Verlage ins Spiel

Dieses Ideal, bei dem ein Verlag seinen Autor oder seine Autorin aufgebaut und gefördert hat, habe ich zu Beginn meiner Verlagslaufbahn in den 1990er Jahren noch erlebt. Smartphones, Internet, dem großen A und den eBooks jetzt die alleinige Schuld an der Veränderung zuzuschieben, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Dieser Prozess zu seiner heutigen Situation hat schon vor 2012 eingesetzt. Man kann das beklagen oder, wie Bettina Belitz, die Hand zum Gespräch reichen:

Screenshot des YouTube-Videos von Bettina Belitz
YouTube-Video von Bettina Belitz. Zum Ansehen bitte auf das Bild klicken.

Es lässt sich nicht leugnen, dass durch die Veränderungen am Buchmarkt die Einnahmen der Verlage gesunken sind. Das habe ich selbst in meinen zwanzig Verlagsjahren mitbekommen. Wenn Geld fehlt, muss gespart werden. Eine der Sparmöglichkeiten ist das professionelle Bearbeiten eines Manuskripts, das dann eben anstelle eines qualifizierten Lektors oder einer Lektorin schnell mal die Assistentin erledigt. Neben Briefeschreiben, Telefondienst, Terminmanagement uvm. Dabei ist das Lektorat eine verantwortungsvolle Aufgabe, die mehr umfasst als Rechtschreibprüfung und Satzzeichenkontrolle.

Ohne Lektorat geht bei mir gar nichts

Das ist einer der Gründe, weswegen ich bei meinen Büchern grundsätzlich mit einem Lektoratsteam zusammenarbeite, bei denen ich weiß, dass sie sich regelmäßig weiterqualifizieren. Ich bin ein kreativer Kopf. Ich kann nach dem Schreiben noch so oft über meinen Text gehen, die professionelle Distanz eines Lektors oder einer Lektorin erreiche ich niemals. Wer schreibt schon selbst unter seinen Text »großer Mist« und gibt sich selbst die genauen Hinweise, in welche Richtung sich das Manuskript stattdessen entwickeln sollte?

Das ist die Aufgabe eines Lektors oder einer Lektorin und an der Stelle unterstreiche ich Bettina Belitz’ Aussage über die vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Autor und Verlag. Ein Hoch auf die Verlage, die auch heute noch so arbeiten (können). Dort kann sich ein Autor oder eine Autorin wirklich zu Hause fühlen und darauf vertrauen, das aus seinem Manuskript das bestmögliche Buch wird.

Als verlagsunabhängiger Autor bzw. Autorin kann mir das ebenfalls gelingen: durch eigenständig finanzierte Dienstleister oder übers Crowdfunding.

Worauf möchte ich hinaus?

Der Buchmarkt verändert sich. Er bietet heute wesentlich mehr Autoren eine Chance, gelesen zu werden. Das führt zu Umbrüchen, die man beklagen — oder als Möglichkeit sehen kann, die Leser und Leserinnen bestmöglich zu unterhalten und zu informieren. Also bitte schön keine Gräben in unseren Köpfen nach dem Motto »Du bist ein Verlagsautor, d.h. etwas Besseres« und »Du bist Selfpublisher, also nur ein zweitklassiger Möchte-gern-Autor«. Wir, die wir schreiben, haben ein Ziel: Unsere Innenwelt nach außen zu bringen. Das eint uns.

Meine Kollegin Heike Fröhling (aka Leonie Haubrich), die in beiden Autorenwelten erfolgreich zu Hause ist, bringt das so auf den Punkt:

 

»Die Unterschiede zwischen Verlagsautoren und Selfpublishern sind längst nicht mehr so groß wie noch vor ein paar Jahren. Auch für Verlagsautoren wird es immer wichtiger, über den Tellerrand zu blicken und über Marketing nachzudenken, wenn das Buch nicht untergehen soll. Und Selfpublisher liefern immer öfter Bücher, die von Verlagsprodukten nicht zu unterscheiden sind.«

 

Also, let’s do it — als Autoren, die wir sind, im Interesse unserer Leser und Leserinnen.

Die nächsten Teile der Beitragsreihe erscheinen jeweils exklusiv am Monatsende im Newsletter und zur Mitte des Folgemonats hier auf dem Blog.

  1. Mein Weg ins Selfpublishing
  2. Was unterscheidet den Verlagsautor vom Selfpublisher?
  3. Wie steht es um die Freiheit als Selfpublisher wirklich?
  4. Ist Selfpublishing der Weg zur Selbstverwirklichung?
  5. Wie sieht es mit der Arbeitsbelastung aus?
  6. Gibt es Konkurrenz unter verlagsunabhängigen Kollegen?
  7. Wo findet das Marketing statt?
  8. Wie kommen Indie-Bücher in den Buchhandel?
  9. Lesung gesucht – der Selfpublisher und der Kontakt zu Leser*innen

Du hast weitere Vorschläge oder Wünsche? Dann schreib sie mir gern in den Kommentarbereich. Genauso Deine Meinung zum Thema.

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