Kapitel 10 aus »Sandkastentod« von matì

Illustration zum Projekt »Sandkastentod« von matì
Projekt »Sandkastentod« von matì | Illustration vom Autor zur Verfügung gestellt.

Der Geruch war vergleichbar mit dem einer modrigen Kartoffelkiste. Dann bohrte sich eine mit Rattenpisse getränkte Pfeilspitze durch Johannes‘ Nasenwurzel bis in sein Hirn. Von Krämpfen geschüttelt rollte er seinen Körper seitwärts und schlug mit dem Gesicht auf einen kalten, harten Boden. In der Panik, die ihn zu ergreifen begann, wollte er die Augen aufreißen, doch er zwang sich, sie bedächtig zu öffnen. Bei einem Auge gelang es ihm nur mühevoll bis zur Hälfte und er ertastete eine Schwellung. Das andere war verschont geblieben und er nahm den dunklen Raum wahr, von dem er glaubte, dass es sich um einen Keller handelte, denn er konnte das typische Gitterfenster am oberen Ende einer Wand ausmachen. Er wühlte vergeblich in seiner Erinnerung nach dem Grund seiner misslichen Lage. Das Letzte, das er sich spontan ins Gedächtnis rufen konnte, war das Diogenes Palace. Er hatte dort Ruben Pirkner eine Notiz entwendet, die einen Namen enthielt, an den sich Johannes nicht erinnern konnte. Anschließend war er mit Mozart nach Hause gefahren. Marie hatte mit zwei Karten für das Theater und einem Chili auf ihn gewartet, als der Anruf von Paul kam. Paul ... Paul Bux, das war der Name auf dem Notizzettel.

Langsam kam seine Erinnerung zurück. Paul hatte ein Treffen mit Fritzel Ommer arrangiert. Pauls Stimme hatte sich hektisch und aufgebracht angehört. Oder war es Maries Reaktion auf seinen plötzlichen Aufbruch, die ihm, während sie das Chili servierte, im Ohr klang? Johannes nahm an, dass er das verwechselte, da er Pauls Gemüt alles andere als aufgeregt in Erinnerung hatte. Fritzel Ommer würde in einer halben Stunde am Hafentor in Hanau auf ihn warten. Der Feierabendverkehr war abgeklungen und Johannes schaffte die Strecke unter 30 Minuten. Nachdem er seinen Volvo auf der Tankstelle hinter der Steinheimer Brücke abgestellt und wenige Augenblicke später das Hafentor erreicht hatte, schaute er hoch zu den beiden steinernen Figuren. Sein Vater hatte sie den Schaffer und den Grübler genannt. Und jedes Mal, wenn er das tat, hatte Johannes geantwortet, dass der mit dem riesigen Zahnrad wohl sein Vater sei und er selbst das Denken bevorzuge. Sein Vater lachte dann immer aus voller Brust und sagte: »Du wirst schon sehen, was du vom ewigen Grübeln hast.«

Foto dankenswerterweise vom Autor matì zur Verfügung gestellt
Foto dankenswerterweise vom Autor matì zur Verfügung gestellt

Das Nächste, an das er sich erinnern konnte, war die Gestalt eines gebeugten Männleins in einer viel zu großen Lederjacke, das in der Abenddämmerung hinter dem Hafentor neben einem alten Armee-Jeep stand. Während Johannes auf die Silhouette des Männleins zuging, überlegte er, ob es sich bei ihm wirklich um Fritzel Ommer handelte, von dessen Erinnerung er sich erhoffte, das Datum von Annis Tod zu erfahren. Das war der Grund, warum Paul ihn aufspüren sollte. Johannes wollte lediglich dieses Datum wissen. Weder die Presse noch die Polizei waren gewillt oder in der Lage, diese Auskunft zu geben. Dann, so hoffte er, wäre es Paly Root möglich gewesen, ihm zu zeigen, was wirklich damals geschehen war.

Es sah aus, als würde die gebückte Gestalt entweder die Geduld verlieren oder Angst bekommen, denn sie entfernte sich unvermittelt in Richtung der Arbeitersiedlung jenseits des Hafentors. Man konnte erkennen, wie das Männlein auf eine fiktive Begleitung einredete. Schließlich verschwand es hinter einer Kurve. Als Johannes dort angekommen war, sah er, wie die Jammergestalt, die er für Fritzel Ommer hielt, weiter die Annastraße entlang schlurfte. Er erwischte sich dabei, dass aus seinem flotten Gang ein trabendes Laufen geworden war. Schließlich rannte Johannes dem Männlein hinterher. Kurz bevor er es erreicht hatte, war ihm, als hätte ihn ein Schnellzug erfasst. Dem klatschenden Geräusch folgte der harte Aufprall auf dem Asphalt der Annastraße. Johannes wollte aufstehen, war aber augenblicklich von bärtigen 150-Kilo-Gestalten in Lederjacken eingekreist. Über dünnen, zotteligen Haaren trugen sie schwarze Kopftücher mit aufgedruckten weißen Totenköpfen. Stumm schauten ihre grimmigen Gesichter zu ihm hinunter. In diesem Augenblick kamen Johannes Zweifel auf, ob seine Jagd nach der Wahrheit die Schmerzen rechtfertigen würde, die, aus welchem Grund auch immer, jetzt folgen könnten. Er musste diese Horde von der Nichtigkeit seiner Anwesenheit überzeugen. Gleichzeitig blieb ihm verschlossen, was die Motorradbande, so titulierte Johannes sie im Moment, dermaßen gegen ihn aufgebracht haben könnte.

»Hey Jungs, wer hat denn an euren Gartenzaun gepinkelt? Ihr seid ja mies drauf.«

Der Versuch, aufzustehen, wurde von den massigen Körpern, die sich immer enger um ihn scharten, zunichtegemacht.

»Nichts für ungut, ich war’s jedenfalls nicht. Kommt schon, lasst mich hoch, damit wir uns unterhalten können. Sonst wird das ein Spiel für kranke Affen.« Johannes hoffte, mit einer lockeren Ausdrucksweise die Situation zu entspannen. Da wurde er von kräftigen Armen gepackt und nach oben gezogen. Einen Moment lang dachte er über seine Alternativen nach. Er überlegte, ob er sich lautstark bemerkbar machen sollte. Doch dann sah er zwischen den tätowierten Fleischbergen hindurch, wie Vorhänge zugezogen und Fensterläden geschlossen wurden. Insgeheim war Johannes froh, Mozart zu Hause gelassen zu haben. Nicht einmal der Katzentrick wäre in dieser Situation hilfreich gewesen. Wahrscheinlich hätten diese Golems den Conti zwischen zwei Brothälften gelegt und mit einer Flasche Ketchup gewürzt.

Johannes erhielt einen kräftigen Schubs von hinten, der ihm besagte, in welche Richtung er sich jetzt bewegen solle. Wie eine Gruppe ins Gebet vertiefter Mönche trottete die Gruppe mit Johannes in ihrer Mitte die Annastraße entlang. Vor einer grauen, schäbigen Fünfziger-Jahre-Bausünde machte sie halt. Einer der Biker löste sich aus dem Tross und drückte auf eine der Klingeln an der Eingangstür. Nach einem kurzen Moment antwortete der Summer und der Biker öffnete die Haustür. Für einen Moment überlegte Johannes, ob dies das letzte Haus sein würde, das er jemals betrat. Er hatte sich oft ausgemalt, welches der Raum sei, in dem er starb, oder wie das letzte Wort klingen würde, das er vor seinem Tod hörte. Er hatte sich immer fest vorgenommen, im Moment seines Ablebens an seinen kleinen linken Fußzeh zu denken, und hoffte, so viel Kraft mit seinem letzten Atemzug aufzubringen. Er nahm an, dass ihm dieser Gedanke, auf den er sich sein Leben lang vorbereitete, die Geborgenheit schenkte, dem Tod gelassen entgegenzusehen.

Die zwei Biker, die seine Arme festhielten, zerrten ihn ein paar Stufen nach oben zur Parterrewohnung, deren Tür offen stand. Anschließend schoben sie ihn durch den engen, düsteren Flur. Aus einem Zimmer ertönte etwas, das Johannes als Marschmusik bezeichnet hätte. Ein kräftiger Schlag ließ Johannes durch die Türöffnung auf den Teppich stürzen. Die Militärmusik verkam in seinem Kopf zu einem Jahrmarktgedudel. Einer seiner Bodyguards blieb im Türrahmen stehen, den er auch mit seiner Statur komplett ausfüllte. Der Raum glich einem typischen deutschen Wohnzimmer. Einzig das Bild des röhrenden Hirschs war durch eine amateurhafte Darstellung von flatternden Hakenkreuz-Fahnen ersetzt worden, zwischen denen ein Adolf Hitler im Profil wild dreinschauend einem pubertären Charlie Chaplin glich. Unter dem Bild in der Mitte der Couch saß ein dickbäuchiger Kerl in Johannes‘ Alter. Ein Feinripphemd umspannte seine Wampe. Die Träger seiner Hose hingen schlaff an der Seite herunter. Trotz der tiefen Tränensäcke, mit Hilfe derer der Mann versuchte, so mürrisch auszusehen wie sein Vorbild auf dem Gemälde über ihm, erkannte Johannes das zerfurchte Gesicht auch nach so vielen Jahren sofort wieder und er stieß innerlich einen herzhaften Seufzer aus.

»Helmut Hippel, na, dich hätte ich hier nicht erwartet. Nimmst du noch immer kleinen Jungs ihre Fußballkarten ab?«

Die zwei Damen, die jeweils in plüschige rosa Morgenmäntel gehüllt, links und rechts neben Helmut auf der Couch lungerten, schrien empört auf. Ihre schwammigen Gesichter, die gänzlich aus kosmetischer Spachtelmasse und Farbe zu bestehen schienen, starrten mit aufgerissenen Mündern erst auf Johannes und dann auf Helmut, als erwarteten sie jetzt von ihm das gesprochene Todesurteil. Helmut selbst erhob sich grollend. Johannes, der immer noch auf dem Boden lag, konnte unter dem Couchtisch hindurch sehen, dass Helmuts kurzen Beine in ein paar schäbigen Reitstiefeln steckten, die wohl Teil seiner kaum authentischen Uniform darstellen sollten. Ein lächerlicher Versuch, seine Schergen zu beeindrucken, dachte Johannes.

Helmut schaute rot vor Zorn zu dem Biker in der Tür hinüber. »Ist das der Glatzkopp, der hinter Fritzel her war?«

Der Fleischberg nickte grimmig.

»Hol mir den Ommer mal her.«

Nachdem der Türwächter seinen Platz verlassen hatte, fuhr Johannes eine weitere Option durch den Kopf. Er richtete sich flink auf und wollte gerade in Richtung der Wohnzimmertür stürmen, da schob sich der massige Körper eines weiteren Bikers vor den Ausgang. Diverse Ketten rasselten an seiner ledernen Weste, als er eintrat und sich Helmut zuwandte. Dabei hallte der Klang seiner Stiefel durch das Zimmer wie ein durch Tokio polternder Godzilla. »Die Jungs fragen, ob sie noch gebraucht werden.«

Helmut schaute ihn grimmig an. »Kriegt man denn von euch nicht mal eine Spur Bereitschaft?« Helmuts Stimme klang keifend wie die einer alten Hexe, wobei die zwei Morgenmäntel eifrig nickten, und eine echote: »Ja Mann, Bereitschaft.«

Johannes konnte unter dem Bart des Bikers erkennen, wie sich eine hilflose Miene formte. »Aber heute ist Grillen auf der Ranch, Chef. Die Jungs freuen sich schon die ganze Woche drauf.«

»Ich bin nicht euer Chef. Es heißt: Gruppenführer. Wann kriegt ihr das endlich in euere Spatzenhirne?«

»Ja, Chef, ich meine Gruppenführer. Dann fahren wir jetzt zum Grillen.«

»Was glaubt ihr, was der Großmeister davon hält, wenn ich ihm berichten muss, dass ihr euch immer gleich verpisst, wenn ihr gebraucht werdet?«

Der Biker schaute abschätzig zu Johannes. »Aber Chef, für den Hänfling brauchen wir doch nicht die ganze Gang.«

»Das ist egal. Hier geht es drum, wie ernst ihr unsere Sache nehmt. Und es heißt: Gruppenführer!«

»Aber wir lassen dir doch den Axel da. Der säuft sowieso das Binding weg, bevor die Rippchen durch sind.«

»Ja, komm schon, Helmut«, mischte sich Johannes ein. »Gönne den Jungs doch ihren Wochenendspaß. Wie kann man als Chef nur so streng sein?« Er sah seine Chance auf den Dialog Einfluss nehmen zu können. Im gleichen Moment traf ihn die Faust des Bikers mit voller Wucht an der Schläfe. Johannes taumelte seitwärts, bis seine Beine einknickten und er von den eisernen Rippen der Zentralheizung unsanft aufgefangen wurde. Während er seinen Kopf abtastete, dachte Johannes darüber nach, dass die Hörigkeit der Biker zu Helmut doch stärker war, als er vermutet hatte.

»Das heißt: Gruppenführer«, raunzte ihn der bärtige Bulle an.«

Helmuts Grinsen war bösartig. Es hatte sich in den fünfzig Jahren nicht geändert und trug noch immer die Signatur eiskalter Berechnung und bedingungslosen Egoismus‘ in sich.

Als er Helmut auf dem Spielplatz in der Metzgerstraße das erste Mal begegnet war, hatte Johannes sein neustes Autoquartett dabei. Es war das, in dem der Mercedes-Benz 600 der Kubik-König war. Er wollte es Anni zeigen, obwohl sie nie Autoquartett spielte. Aber ihr fielen immer tolle Geschichten zu einzelnen Wagen ein und er hatte insgeheim gehofft, sie würde das fliegende Klettergerüst durch einen Mercedes-Benz 600 ersetzen. Doch Anni ließ sich an diesem Tag nicht blicken. Dafür schoss sofort der untersetzte schwarzhaarige Junge mit der speckigen, kurzen Lederhose auf ihn zu, nachdem Johannes sein Quartett aus der Tasche gezogen hatte, um die Autos in Ruhe zu studieren.

»Wer bist denn du?«

»Johnny, und du?«

»Bin Helmut. Wollen wir ein Spiel?«

Johannes nickte und mischte die Karten. Während des Spiels bemerkte er, dass Helmut öfter gewinnende Karten weiter vorne einzusortierte, statt sie unter seinen Stapel zu legen. Nachdem Helmut das Spiel gewonnen hatte, wollte er das Quartett in seine Hose stecken.

»Hey, gib mir die Karten wieder, ich muss jetzt heim«, protestierte Johannes.

»Wer das Spiel gewinnt, bekommt die Karten.«

»Seit wann?«

»Spielen wir hier seit ein paar Wochen schon.«

»Quatsch mit Soße. Gib jetzt meine Karten her.«

»Sind nicht mehr deine.«

»Gib her! Ich kenne dich überhaupt nicht!« Johannes griff nach dem Quartett, da traf ihn Helmuts Faust am Wangenknochen. Johannes war konsterniert und rieb sich die schmerzende Stelle.

»Dann lernst du mich jetzt kennen.«

Johannes schaute in das diabolische Grinsen seines Gegenüber. Er war auf diesem Spielplatz noch nie mit einem Kind in Streit geraten. Vielleicht gab es ab und zu Zoff mit Frau Pirkner, aber nie mit einem Spielkameraden. Dafür hatte auch Anni immer gesorgt, vor der jeder Respekt hatte. Aber Anni war nicht hier und er musste sich allein dem bösartigen Etwas stellen. Aber wenn er etwas von Anni gelernt hatte, dann war es, Courage vor dem Stärkeren zu haben. Johannes ballte die Fäuste und bemerkte, wie sich Helmuts dichte Augenbrauen hoben.

»Hör zu, ich will keinen Streit mit dir. Ich bin auf der Suche nach Mitgliedern meiner geheimen Bande.«

Johannes lockerte seine Fäuste. Er liebte es, mit Anni Abenteuer zu erleben. Aber es waren doch nur immer ihre Abenteuer, ihre Gedanken, in denen er mitspielte. Doch ein wahres Glücksgefühl erreichte ihn nur, wenn er sich mit der Bande über den Schulhof galoppierte und lauthals ‚Attacke‘ schrie. »Was für eine Bande?«

»Klappe, Mann, oder willst du, dass die Bande auffliegt? Machst du nun mit oder nicht?«

Johannes nickte, als schlüge ihm jemand gegen den Hinterkopf. Er sah darin die einzige Möglichkeit, sein Autoquartett wiederzubekommen.

»Also hör zu. Ich brauche natürlich den Beweis, dass du was taugst. Deshalb mache ich dir einen Vorschlag. Der Kaufhof hat das neue Flugzeugquartett, das mit den ganzen Kampfjets. Das besorgst du bis morgen. Dann bekommst du deins zurück und bist in der Bande. Wegen mir kannst du auch ab dann auch mitbestimmen, wer noch rein kommt. Du wärst praktisch mein zweiter Mann.«

 

Mit zitternden Händen tastete Johannes über die Reihen der Kartenspiele, die in der Spielwarenabteilung des Kaufhofs auf einem Regal an der Wand einsortiert waren. Er redete sich ein, keine Sünde zu begehen, während die Stimme seiner Pfarrerin in seinem Kopf gegen die Schädeldecke zu hämmern schien: »Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht stehlen. Johannes! Lass die Finger davon!« Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen und seine Atmung geriet ins Stocken. Es war, als suchte sein Gewissen nach einer Lösung. Dann folgte er seinen Gedanken: »Ich tue nichts Böses. Ich würde nicht hier stehen und meine Finger würden nicht auf der Schachtel mit dem Flugzeugquartett liegen, wenn nicht mein eigenes ... wenn nicht Anni von dem räuberischen Piraten Blackbeard als Geisel gehalten würde. Ein doch geringes Lösegeld, das er für Anni verlangt, und keine böse Tat, Frau Pfarrerin. Ein Flugzeugquartett für ein Menschenleben.« Johannes Hände nahmen die Schachtel vom Regal. Anschließend trugen ihn seine Beine wie von selbst in Richtung der Rolltreppe, während seine Ohren auf Rufe achtete, die ihn zum Anhalten aufforderten. Doch es gab keine. Als er den Gummilauf der Rolltreppe in der anderen Hand spürte, steckte er das Quartett in die Tasche seiner Cordjacke und trippelte, so schnell er konnte, die metallenen Stufen hinunter. Unten angekommen schoss er an der Parfümabteilung vorbei durch die gläsernen Schwingtüren des Kaufhofs. Ohne sich umzudrehen, rannte er die Fahrstraße hinunter zum Freiheitsplatz, dann die Marktstraße entlang und machte erst wieder Halt, als er durch die Teppichstangen des Spielplatzes stürzte, wo Helmut schon auf ihn wartete.

»Das hat ja gedauert. Hast du das Flugzeugquartett?«

Johannes zeigte ihm stolz die Plastikschachtel, auf der das Bild eines schwedischen Saab 35 Draken Jagdflugzeugs prangte. Helmut schnappte sofort danach und riss die Packung auf. Johannes konnte sehen, wie seine Augen erwartungsvoll und listig zugleich auf die Karten starrten, die er aus der Schachtel geschüttelt hatte und nun mit dem Daumen auffächerte.

»Was ist nun mit meinem Autoquartett?«, wollte Johannes wissen.

Widerwillig griff Helmut in die Seitentasche seiner Lederhose, zog eine Karte heraus und hielt sie ihm hin.

»Das ist nur eine Karte. Wo ist das Quartett?« Er ballte erneut die Fäuste, was Helmut dazu veranlasste, eine beschwichtigende Handbewegung zu machen. »Hör zu. Wir haben einen Pakt. Wenn ich dir diese Karte jetzt gebe, kann ich mit dem restlichen Spiel auch nix mehr anfangen. Aber jedes Mal, wenn du was für die Bande tust, kriegst du eine Karte zurück.« Als Helmut sah, dass Johannes die Fäuste entspannte, drückte er ihm die Karte in eine Hand und fügte hinzu: »Und außerdem darfst du bestimmen, wer bei uns mitmacht.« Daraufhin schlenderte er durch die Teppichstange und hüpfte in seiner kurzen Lederhose zurück in Richtung des Johanniskirchplatzes.

Johannes schaute ihm verdutzt nach und drehte schließlich die Karte um. Es war der Mercedes-Benz 600, mit 6329 ccm der Kubik-König.

Als Fritzel in den Raum gestoßen wurde, verzogen die beiden rosa Plüschmorgenmäntel angewidert ihre bemalten Gesichter. Johannes hatte sich aufgerappelt und tastete über seine schmerzende Gesichtshälfte.

»So, du Blödmann, jetzt erklärst du mir, warum so ein Blödmann wie du sich in so eine blöde Situation begibt, nur weil er so einen Blödmann, wie den da, sprechen will.« Helmut zeigte auf den verschämt zu Boden blickenden Fritzel, und die zwei Plüschmäntel kichernden in die Rüschen ihrer Morgenmäntel. Triumphierend schaute Helmut in die Runde, als hätte er gerade eine historische Rede gehalten.

Johannes kniff kurz die Augen zusammen, als könne der dadurch den Schmerz wegdrücken. »Fritzel, erinnerst du dich an mich?«

Das abgemagerte Männlein in der viel zu großen Lederjacke starrte immer noch auf den Teppich und schüttelte den Kopf.

»Ich bin es, Johnny. Wir spielten als Kinder zusammen. Du wohntest gegenüber der alten Johanniskirche. Wir trafen uns jeden Tag auf dem Spielplatz in der Metzgerstraße. Der verrückte Uto kam immer mit seinem Transistorradio vorbei, und du ...«

Fritzel hob seinen Kopf mit den strähnigen, dünnen Haaren und öffnete den Mund, als ob er etwas erwidern wollte. Dabei entblößte er eine Reihe schwarzer Zähne, die aussahen wie ein angekokelter Jägerzaun. Für einen Moment glaubte Johannes, der Kamerad aus Jugendzeiten hätte ihn wiedererkannt. Dann schüttelte Fritzel wieder den Kopf, wandte sich an Helmut und flüsterte: »Kann ich jetzt wieder gehen?«

Helmut wackelte mit seinem Finger hin und her, während er sich wieder auf dem Sofa niederließ. »Nicht bevor du uns nicht erzählst, ob das der Schnüffler von neulich war, der dich ausgefragt hat.«

»Nein!« Fritzel schrie das Wort mit heiserer Stimme dem Teppich entgegen, auf den er jetzt wieder starrte, worauf der bullige Biker dessen Kopf an den zotteligen Haaren nach oben zerrte und das Gesicht Helmut zu drehte.

»Der Glatzkopf hier sagt, er kennt uns beide. Also, kannst du dich an den hier erinnern? Bist du dem schon mal begegnet?«

Wieder schaute Fritzel verstohlen zu Johannes hinüber. »Nee, den hab ich noch nie gesehen. Der andere Typ letztens war ein alter Zeitungsfritze. Der war bestimmt hundert oder so. Hat früher mal beim Anzeiger gearbeitet. War nicht der hier.«

»Was wollte der Reporter von dir wissen?« Johannes erwartete nicht, dass er darauf eine Antwort bekam, aber er hoffte, irgendjemand dieser Intelligenzbestien würde sich verquatschen.

Helmut sprang auf und schrie: »Das geht dich einen Hundsfotz an!«. Die Plüschmorgenmäntel machten empörte Gesten und der Biker plusterte seinen mächtigen Oberkörper noch etwas weiter auf. »Schaff den Fritzel wieder weg, den nehme ich mir morgen vor.«

Als der Biker Fritzel am Arm packte und aus dem Zimmer ziehen wollte, rief Johannes: »Fritzel, am Tag als Anni starb, sagtest du, die Schattenmiliz hätte sie ermordet.«

In diesem Moment ging ein empörtes Raunen durch das Zimmer. Entsetzte Augenpaare starrten auf Helmut, der zornig zu Fritzel schaute. »Was hast du?«

Fritzel schaute panisch um sich und versuchte, sich aus dem Griff des bärtigen Monstrums zu winden. »Ich weiß nicht, was der quatscht, ehrlich.«

Helmut schien außer sich vor Wut. Johannes begriff, dass es dem Choleriker nur darum ging, die eigene Wut zu entfachen, anstatt sich mit den Fakten auseinanderzusetzen. Helmut wollte die Zusammenhänge nicht verstehen. Ihm ging es nur um Gewalt gegenüber Schwächeren. Johannes wägte seine Chancen ab. Eine so ungeordnete Situation würde er so schnell nicht mehr haben. Der Biker hatte Mühe, den zappelnden Fritzel zu greifen und Helmut schäumte vor Wut. Als seine garstig dreinblickenden Augen sich wieder auf Johannes richteten, atmete dieser noch einmal die ganzen Gemeinheiten ein, die Helmut ihm und anderen Menschen angetan hatte, bis seine Nase vor Wut kitzelte. Dann sprang er mit einem Bein auf den Couchtisch, der sich krachend zusammenfaltete, machte noch einen Zwischenschritt und landete mit aller Wucht auf Helmuts Körper. Dabei hieb er dem Gruppenführer zuerst seine Stirn auf die Nase, deren Blut zur Seite zu den beiden Frauen spritzte, die schreiend aufsprangen. Dann hieb Johannes seine Fäuste, so schnell er konnte, in das Gesicht seines Gegenüber. Dabei zählte er die Hiebe, die er landen konnte. Bei sieben packten ihn zwei Pranken von hinten. Noch einmal konnte er sich losreißen und Helmuts blutendem Gesicht drei weitere Schläge versetzen. Bis der Riese endgültig seine Arme um ihn geschlungen hatte und von Helmut wegriss.

»Weißt du, wofür das war?«, schrie Johannes in der Luft zappelnd.

Helmut hatte den Mund zum Schrei aufgerissen, doch alles was daraus hervor kam, war ein Schwall aus Speichel und Blut.

»Das war für ein Autoquartett, das du mir gestohlen hast. Vor über 50 Jahren. Ich hab’s mir grad wiedergeholt - mit Zinsen.«

Helmut ließ ein fürchterliches Grunzen hören. Eine der Frauen redete hektisch auf ihn ein, da hieb er ihr mit der Rückseite seiner Handfläche ins Gesicht.

»Ist es das, was dich ausmacht, Frauen zu schlagen? Komm her, du feiger Wicht und ich zeig dir, was du sonst noch so angestellt hast.« Johannes ruckte mit seinem Kopf nach hinten und traf ein stählernes Kinn unter dem buschigen Bart. »Lass mich los, Michelin-Mann, sonst verpasst du noch das Grillen oder Axel säuft dir das letzte Binding weg.«

»Na, du hast einen dollen Humor, dafür, dass du so tief in der Scheiße steckst«, grollte die Stimme hinter ihm.

Helmut stakste über den zersplitterten Couchtisch auf Johannes zu, als dieser sich im passenden Moment in die Arme des Bikers hängte und das rechte Bein nach oben schnellen ließ. Das peitschende Geräusch, das Helmuts Zähne beim Zusammenklappen machten, erinnerte an das Zuschnappen einer Mausefalle.

Johannes konnte noch sehen, wie sich Helmuts Augen nach oben verdrehten, dann fiel dessen Körper manövrierunfähig nach hinten. Sein Kopf schlug auf die Sofalehne und der Rest von ihm blieb bewegungslos liegen. Wie zwei Hyänen stürzten sich die Plüschmäntel über seinen reglosen Körper und versuchten mit schrillem Geschrei Helmut wieder aus der Bewusstlosigkeit zu erwecken. Der Biker schien so konsterniert zu sein, dass er seinen Griff gelockert hatte, und es Johannes gelang, unter seinen Armen hindurch zu schlüpfen. Er schaffte es, hinaus auf den Flur zu flüchten, wo Fritzel mit angsterfülltem Blick einen Baseballschläger auf ihn niedersausen ließ.

 

Johannes tastete vorsichtig seinen Schädel ab. Die Beule war gefühlt so groß wie ein Straußenei, aber sie schien nicht zu bluten. In diesem Moment hätte er den Pokergewinn aus Aruba gegen zwei Aspirin getauscht. Die Schmerzen in seinem Kopf ließen ihn kaum einen klaren Gedanken fassen, den er brauchte, um diesem Kellerraum zu entrinnen. Er vermutete, sich weiterhin in dem Haus in der Annastraße zu befinden. Seine Uhr, die er vor dem Getümmel wohlweislich in die Hosentasche gesteckt hatte, zeigte ihm an, dass fast zwanzig Minuten seit dem Vorfall im Wohnzimmer vergangen waren. Helmut schien noch außer Gefecht zu sein, sonst hätte der Choleriker bestimmt schon das Todestribunal in Szene gesetzt. Er konnte nur hoffen, dass es die Biker zum Grillen auf die Ranch gezogen hatte. Vielleicht gäbe es dann eine faire Chance, dem restlichen Nazigesindel zu entkommen. Seine Hoffnung wurde allerdings umgehend zu Grabe getragen, als er einen Schlüsselbund an der Kellertür rasseln hörte, und sich einen Moment später der Kopf des bärtigen Kolosses durch den Spalt der geöffneten Tür streckte.

»Du bist wach? Gut zu wissen. Der Chef braucht noch’n Moment, deshalb hab‘ ich dich hier rein gepackt, bis der wieder reden kann.«

»Warte! Warum tut ihr das?«

Der Bärtige betrat drohend den Raum und baute sich vor Johannes auf. »Wegen dir verpass‘ ich das Grillen. Bin stinkesauer und du besser ruhig.«

»Aber ihr könntet Grillen und Saufen, wann ihr wollt. Ihr müsst doch nicht diesem Deppen folgen.«

»Tun wir auch nicht.«

Während er sich umdrehte und den Raum verließ, konnte Johannes den Schriftzug auf seiner Lederjacke lesen: Shadow Warrior. Er überlegte, ob die Biker Handlanger der in Fritzels Kopf herumschwirrenden Schattenmiliz waren, oder welchen Grund es gab, warum sie sich in den Dienst der Neonazis stellten. Dann kam ihm zu Bewusstsein, dass all diese Spekulationen hinfällig waren, wenn er nicht schleunigst aus diesem Keller heraus kam. Hastig schaute er sich um. Mehrere leere Holzregale standen an den Wänden. In der Ecke befand sich etwas, das er als einen altertümlichen Ölofen identifizierte. Johannes rückte die Regale von den Wänden, in der Hoffnung, dass ein brauchbarer Gegenstand dahinter gefallen wäre. Ein Brecheisen wäre der Hauptgewinn, dachte er bei sich. Plötzlich hielt er inne. Ihm war, als hätte man seinen Spitznamen von Weitem gerufen.

»Johnny.«

Jetzt klang der Ruf gar nicht mehr weit entfernt, sondern wurde geflüstert, genau vor dem Kellerfenster. Das musste Fritzel sein. Vielleicht, so dachte Johannes, war der Kerl schlauer, als ich gedacht hatte.

»Johnny, bist du da unten?«

Johannes wusste nicht, ob eine laute Erwiderung den Biker wieder auf den Plan gerufen hätte, falls dieser vor der Kellertür Wache hielt. Deshalb riss er ein Regalbrett aus der maroden Befestigung und klopfte damit vorsichtig oben an das Gitter des Kellerfensters. Einen Augenblick später hörte er das Knirschen von Schuhen auf dem Kies vor dem Haus. Dann schlug eine Hand an das Fenster.

»Johnny, bist du da drinnen?«

Mit einem Stoß des Regalbretts an das Gitter erwiderte Johannes die Frage. Unter einem dumpfen Schlag und ohne Vorwarnung flog das vergitterte Kellerfenster nach innen auf. Der Fuß, der ihm den Tritt verpasst hatte, lugte kurz durch den Fensterrahmen und wurde schnell wieder zurückgezogen. Stattdessen reichte ein Arm durch die Öffnung.

»Mach schon Johnny, die können jeden Moment hier sein.«

Johannes bezweifelte, dass der schwächliche Fritzel seine 90 Kilo hochziehen könnte. Deshalb zog er eines der Regale in die Mitte des Raumes und kippte es gegen die Wand unter dem Kellerfenster. Nachdem er der so entstandenen Rampe nach oben gefolgt war, griff er nach der Hand und ließ sich durch die Öffnung ziehen, was seinem Retter mühelos gelang.

»Gott, du siehst ja richtig Scheiße aus.«

Diese Stimme klang keineswegs nach Fritzels Gemurmel. Und als Johannes sich auf den Rücken wälzte, schaute er in die feixende Grimasse unter einer Irokesenbürste.

Ende des zehnten Kapitels. Die Fortsetzung wird hier Anfang Juni verlinkt.

Was ist »Sandkastentod«?

»Sandkastentod« ist keinesfalls nur ein Krimi, sondern ein Projekt, das in der Idee selbst schon Spannung verspricht – nicht nur für die Leser.

Ab Juli 2016 veröffentlicht matì jeden Monat ein Kapitel dieses Krimis um einen Mord und zum Teil authentische Begebenheiten. Der Text zeichnet sich dadurch aus, dass er im Laufe der Veröffentlichungsphase erst entsteht. So wird der Abschnitt, der im August recherchiert und geschrieben wird, im September auf allen teilnehmenden Plattformen kostenlos veröffentlicht, wie der gute, alte Fortsetzungsroman in der Tageszeitung. Am Ende wird sich zeigen, ob es matìs Protagonisten gelingt, den Mörder rechtzeitig zu ermitteln.

Wer ist matì?

Seit vielen Jahren schreibt matì unter diesem Pseudonym fantastische Texte, die nur ein Stück von der Realität entfernt sind. Neben dem Wirken in der Hanauer Autorengruppe ZwanzigZehn hat matì das Genre der szenischen Lesung für sich entdeckt. Regelmäßige Aufführungen von Krimi- und Horrorinszenierungen und humoristischen Dokumentationen wurden 2016 durch zwei Auftritte im Rahmen der Leipziger Buchmesse ergänzt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0