[Werkstatt #4] Es werde eine Handlung

Ein leeres Notizbuch, ein Druckbleistift, Brille und eine Tasse Tee. Das Foto stammt von www.pixabay.com
Vor dem Schreiben steht das Entwickeln der Handlung | Foto: pixabay.com

Die Idee ist gereift und die Figuren stehen. Jetzt kommen wir zum wirklich interessanten Teil des Schreibens, nämlich dem Ausarbeiten der Handlung. Früher, als ich selbst noch keinen Roman verfasst hatte, dachte ich an diesem Punkt, dass man sich mit seiner Idee ans Notizbuch (wahlweise den Collegeblock oder Computer) setzt und sofort mit dem Schreiben beginnt. Zwei oder drei Monate später ist dann das Manuskript fertig und muss nur noch an einen Verlag geschickt werden. Die Kunst bestand für mich in meiner Vorstellung lediglich darin, genauso schnell zu tippen, wie die Ideen kommen.

Es wundert Dich sicher nicht, dass ich 2003 bei meinem ersten Roman-Versuch genauso vorgegangen bin: Idee gehabt, Figuren in »Tagträumen« entwickelt, ran an die Tastatur und in jeder freien Minute durchgeschrieben. Das Ergebnis war ein über sechshundert Seiten dickes, von Kitsch und Schwulst nur so triefendes Etwas, das mir eine befreundete Lektorin komplett um die Ohren gehauen hat.

Dieses Machwerk hatte nur einen Platz verdient: den im Mülleimer.

Ab in die Tonne!

Heute weiß ich das. Damals war ich im ersten Moment total entsetzt. In dem Manuskript steckten alle meine Träume, meine Wünsche und Sehnsüchte, kurzum mein ganzes Herzblut! Wie konnte meine Freundin wagen, mir zu sagen, die Geschichte tauge nichts?

Tja, es war exakt so. Nach einmal ordentlich Schlucken – und ein paar Nächten Darüberschlafen – beschloss ich, meiner Freundin zu vertrauen. Texte zu beurteilen war schließlich ihr Job. Sie wusste, wovon sie sprach.

Ich habe mich daraufhin mit meinen sechshundert Seiten auf den Boden gesetzt, die Ausdrucke um mich herum ausgebreitet, den eigentlichen Handlungsstrang aus dem dicken Schwulst herausgefiltert – und das Buch komplett neu geschrieben. Kurzum: Ich habe nach Erstellen der ersten Rohfassung die Handlung geplottet.

Vielleicht magst Du Dir das in Lebenszeit auf der Zunge zergehen lassen: ein Jahr Arbeit an der Rohfassung, vier Wochen neu plotten und anschließend weitere vierzehn Monate für das Neuschreiben des Manuskripts. Das erste Jahr hätte ich mir definitiv sparen können, doch ich wusste es damals nicht besser. Erst nach dieser Erfahrung begann ich, Schreibratgeber zu lesen und mich mit einer sinnvollen Vorgehensweise beim Schreiben zu beschäftigen. (▶️ Mehr dazu erfährst du in diesem Blogbeitrag über die »Autorenausbildung«.)

Mein Weg der Handlungsentwicklung

Heute, knapp fünfzehn Jahre später, habe ich für mich eine Methode der Handlungsentwicklung herausgearbeitet, die für mich passt. Ob sie auch für Dich stimmig ist, musst Du selbst ausprobieren. Ich denke, das Entscheidende ist zu wissen, dass man nicht direkt mit einer Idee ans Formulieren geht. Es gehört einfach ein bisschen Vorarbeit dazu, um nicht im Nachhinein allzuviel überarbeiten zu müssen. Die Erfahrung hat mich gelehrt, je mehr ich vorneweg plane, desto weniger muss ich hinterher den Text umgestalten.

1. Die Prämisse

Idee und Figuren meines Romans existieren an diesem Punkt bereits (▶️ siehe die beiden vorangegangen Teile der Blogreihe). Jetzt entwickle ich die Prämisse, d.h. die Annahme, die ich durch die Handlung beweisen möchte. In »Wunschträume« lautete sie zum Beispiel: »Mit Hilfe des Resonanzprinzips kann man sich den perfekt passenden Partner wünschen«. Die Handlung des Romans war darauf ausgerichtet, dies zu bestätigen – natürlich mit reichlich Verwicklungen auf dem Weg dorthin.

Im dritten Band der Seelenreise-Reihe, der in Kürze erscheinen wird, habe ich die Prämisse zugrunde gelegt, dass man erst dann nachhaltig abnehmen kann, wenn man mit seinem Körper Frieden geschlossen hat. Solange man sich selbst für sein Dicksein hasst, ist das nicht möglich. Ob das tatsächlich so ist, ist für die Wirkung der Prämisse uninteressant. Für den Roman ist sie das Fundament, auf dem die Geschichte aufbaut.

Natürlich kann man auch ohne Prämisse einen Roman verfassen. »Blind Date mit der Liebe« etwa hat keine Prämisse, zumindest keine von mir gezielt vor dem Schreiben angelegte. Es mag eine vorhanden sein, aber mir war sie nicht bewusst.

2. Grobes Handlungsgerüst

Sobald die Prämisse steht, entwerfe ich ein grobes Handlungsgerüst, wobei bei mir zuerst einmal Anfang, Höhepunkt und Schluss ausgearbeitet werden.

  1. Wo beginnt die Handlung? Was ist der Ausgangspunkt? In welcher Situation steckt die Hauptfigur?
  2. Wie sieht das Ende des Romans aus? Wo soll die Prämisse hinführen? In welcher Situation ist die Hauptfigur dann? Was hat sie gelernt? Wie fühlt sie sich?
  3. Wie könnte ein möglicher Höhepunkt aussehen? Was stelle ich mir dazu jetzt vor? Was könnte sich anbieten in Anbetracht aller auftretenden Figuren?

3. Zwischenschritte

Sobald das Grobgerüst aus Anfang, Höhepunkt und Schluss steht, verfeinere ich die Handlung dazwischen, soweit es mir möglich ist. Ich lege im Autorenprogramm Scrivener für mögliche Szenen Karteikarten an und notiere, was dort geschehen könnte. Und so entwerfe ich ein möglichst abwechslungsreiches Bild – und zwar für alle Erzählstränge sowie Figuren. Allerdings muss ich gestehen, dass ich bis heute nicht zu den Autoren gehöre, die einen Roman von Anfang bis Ende komplett durchstrukturieren. Das gelingt mir nur bis zu einem gewissen Punkt, denn ich bin auch heute noch ein »intuitiver Schreiber«. Das bedeutet im Klartext, dass ich die groben Eckdaten aus Anfang, Höhepunkt und Schluss habe. Auch Zwischenetappen, weitere Höhe- und Wendepunkte stehen. Aber tiefer kann ich vor dem eigentlichen Schreibprozess nicht planen.

4. Verbindung mit der geistigen Welt

Meditierende Frauensilhouette vor blauem Hintergrund. Das Foto stammt von www.pixabay.com
Foto: pixabay.com

Die nächsten Schritte entwickeln sich bei mir aus der »inneren Anbindung nach oben« heraus. Gerade in meinen spirituellen Werken ist es so, dass die Verfeinerung oftmals aus der Meditation heraus kommt. Ich gehe nach dem groben Handlungsgerüst in Zwiesprache mit meinen Engeln und meinem Hohen Selbst und öffne mich für deren Impulse. Was ich dann empfange, halte ich entweder als handschriftliche Notiz oder als Sprachnachricht über die Diktierfunktion des Smartphones fest.

Wenn ich dann wieder in meinem Bewusstsein bin, gehe ich mit den Impulsen ins Brainstormen, um die Ideen auszufeilen. Auch dafür habe ich ein nützliches Tool, das hervorragend mit Scrivener zusammenarbeitet: Scapple. Es funktioniert wie eine Tafel oder ein großes weißes Blatt Papier, auf dem ich Ideen, Möglichkeiten, Alternativen und Richtungen mit Pfeilen oder Linien entwickeln kann. Das hilft mir, die empfangenen Impulse auf die Handlung zu übertragen und sie in die Dramaturgie der Story einzufügen.

Brainstormen

Beispiel fürs Brainstorming mit Scapple mit Inhalten zum aktuellen Blogbeitrag
Brainstorming zum aktuellen Blogbeitrag in Scapple. Mit einem Klick lässt sich der Screenshot vergrößern.

Das Brainstormen mit Scapple nutze ich übrigens auch, wenn ich in einer Szene feststecke oder sich mir der weitere Verlauf der Geschichte verweigert. Dann entwerfe ich in Scapple möglichst viele Alternativen – von normal über alltäglich bis zu unrealistisch, unmöglich, völlig abstrus und: Bingo, das ist es. Wichtig ist mir dabei, dass ich die ungewöhnlichste und zugleich tragfähigste Version auswähle. In einem Roman geht es schließlich um das Außergewöhnliche, nicht um das Alltägliche (im Unterschied zur Kurzgeschichte, auf den ich in diesem Blogbeitrag ausführlich eingegangen bin). Mit dieser einen Möglichkeit skizziere ich die Handlung dann weiter.

Figureninterview

Eine weitere Möglichkeit, das Handlungsgerüst zu verfeinern, sind für mich Figureninterviews. Wie in einem Gespräch mit einem echten, realen Menschen setze ich mich mit einer Figur hin und bitte sie um ihre Meinung zu meiner Frage. Sie erzählt mir, was sie von meiner Idee hält, von meiner Handlungsplanung und der Situation, in die ich sie schubsen will. Außerdem frage ich sie grundsätzlich nach ihren eigenen Wünschen:

  • Wie soll nach ihrer Meinung die Geschichte weitergehen?
  • Was habe ich nicht bedacht?
  • Was will sie mir dazu noch sagen?
  • Woran sollte ich unbedingt denken?

Mit Hilfe dieser Antworten gehe ich dann wieder ins Brainstormen und entwickle die Handlung – in Scapple – weiter.

Weg vom Schreibtisch

Waldboden am Fuße eines Baumes. Das Foto stammt von www.pixabay.com
Foto: pixabay.com

Wenn allerdings bei der Handlungsentwicklung – und auch beim Schreiben – gar nichts mehr geht, ich also regelrecht blockiert bin, beende ich die Arbeit am Manuskript, widme mich anderen Dingen. Ein Spaziergang in der Natur wirkt bei mir in einem solchen Fall Wunder. Das berühmte »Brett vorm Hirn« löst sich dann in der Regel recht schnell in Wohlgefallen auf. Wichtig ist natürlich, die Ideen und Impulse, die jetzt kommen, festzuhalten, sonst sind die Geistesblitze weg. Zumindest bei mir ist das so. Also greife ich auch hier auf die Diktierfunktion meines Smartphones zurück und spiele mir anschließend die Audiodateien in Scrivener ein.

Zusammenfassung

Nach Idee und Figur gehe ich an die Entwicklung der Handlung. Dabei nutze ich meist (aber nicht immer) eine Prämisse, auf der die Handlung aufsetzt. Anschließend plane (bzw. plotte) ich die eigentliche Handlung, wobei ich noch relativ grob bleibe. Das Verfeinern kommt bei mir erst während des Schreibens selbst, indem ich

  1. aus der Meditation heraus arbeite,
  2. die direkte Anschlusshandlung brainstorme bzw. plotte,
  3. die Figuren in Interviews um ihre Meinung und Einschätzung bitte und
  4. alles szenenweise in Scrivener anlege bzw. ausführe.

Das eigentliche Schreiben des Romans erfolgt um das anfängliche Grobgerüst auch heute noch relativ intuitiv, da meine Fantasie sich frei entfalten muss. Nur dann kann sie zu den Sternen fliegen.

Die nächsten Teile der Beitragsreihe erscheinen jeweils exklusiv am Monatsende im Newsletter und zur Mitte des Folgemonats hier auf dem Blog.

  1. Ausbildung zum Autor
  2. Ideenentwicklung
  3. Figurenentwicklung
  4. Handlungsentwicklung/Plotten
  5. Dramaturgie
  6. Recherche
  7. Rohmanuskript vs. Überarbeitung
  8. Rezensenten-Team
  9. Netzwerken
  10. Marketing

Du hast weitere Vorschläge oder Wünsche? Dann schreib sie mir gern in den Kommentarbereich. Genauso Deine Meinung zum Thema.

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