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[Spiritualität #8] Reisen und Spiritualität

Blick über die Dünen auf Strand und Meer in Kanada
Foto: privat | Brackley Beach auf Prince Edward Island, Kanada

Oft heißt es: »Reisen bildet.« Oder auch »Wer reist, kann etwas erleben.« Meine persönliche Assoziation mit Reisen ist — wenn ich ehrlich bin — eine andere: Mich stresst es zu reisen. Ich bin viel lieber da, wo ich mich wohl- und geborgen fühle — und das ist zu Hause. Hier habe ich meinen Platz, meinen sicheren Hafen und die Umgebung, in der es mir gutgeht. Hier ist »mein« Wald, in dem ich mich jederzeit erden und mit der Natur verbinden kann.

Kurzum: Eine Reise bringt Unruhe in all die wohl geordneten Strukturen. Aber, hey, frage ich mich selbst: »Ist das nicht manchmal gut?« Wenn ich auf meine letzte große Reise zurückschaue, dann muss ich gestehen, dass die Entscheidung, diesen Sommer für drei Wochen nach Kanada zu fliegen, wichtig und richtig war. Obwohl ich Flugangst habe und eine solche Fernreise kein Last-Minute-Schnäppchen ist.

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Reisen aus dem Bauch heraus

Kanada hat mich »gerufen«. Das Land, die Geschichte, die Menschen — wer auch immer wollte »etwas« von mir. Und so bin ich dieser Aufforderung gefolgt und habe gebucht. An diesem Punkt beginnt es spannend zu werden: Die Buchung ließ sich erst (online) abschließen, als ich mich für die »richtige« Fluggesellschaft und das »richtige« Ziel entschieden hatte. Davor ließen sich die Flüge nicht bezahlen. Ich hab’s mehrfach probiert. Interessant, oder?

Wenn mich ein Ort ruft

Ähnlich ist es mir mit den Übernachtungen ergangen. Ich konnte nur dort buchen, wo mein Herz flatterte und ich überdeutlich spürte, »Ja, da sollst du hin. Der Platz ist gut für dich.« Das hat sich im Nachhinein tatsächlich bewahrheitet. Das betraf nicht nur Hotels, sondern auch Orte, die ich besichtigt habe. Wenn sich etwas beim Reiseplanen gut angefühlt hat, war es das auch vor Ort. Andernfalls erwies sich der »Platz« als »sinnlos«; ich hätte mir die Tour auch schenken können.

Herzensmenschen

Am nachhaltigsten ist mir ein kleines B&B in Erinnerung geblieben. Ich war beim Stöbern an den Fotos hängen geblieben und WUSSTE, dass ich dorthin muss. Das B&B hat mich gerufen. Und tatsächlich habe ich in der Gastgeberin eine Kanadierin kennengelernt, mit der ich auf einer Wellenlänge schwang (trotz meiner mickrigen Sprachkenntnisse). Wir haben uns mit Tränen in den Augen und einer innigen Umarmung voneinander verabschiedet — und sie meinte: »Wir werden uns wiedersehen.« Absolut. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Wir werden uns wiedersehen.

Weitere besondere Begegnungen

Blick auf eine kleine kanadische Kirche in dem historischen Ort Orwell Corner, Prince Edward Island
Foto: privat | Kirche in Orwell Corner Historic Village, Prince Edward Island, Kanada

In den insgesamt drei Wochen habe ich einige solcher Herzensbegegnungen gehabt. Jede einzelne von ihnen ist kostbar für mich, vom Kassierer sonntags im Grocery Store, der vor guter Laune sprühte, bis zum Apotheker, der mich mit einem herzlichen Strahlen beraten hat. Ich habe Kanada, zumindest den Osten, als ein Land erfahren, in dem die Menschen — bewusst oder unbewusst — mit ihrem Herzen verbunden sind. Mich hat das verblüfft, denn ihre Vorfahren stammen aus Europa, haben sich im 18. und 19. Jahrhundert unschöne Kämpfe geliefert und sind doch ganz anders »drauf« als unsereins im alten Europa.

Umgang mit Schuld

Das betrifft auch den Umgang mit der Vergangenheit. Statt in Schuld und Scham darüber zu versinken, was die Vorfahren dereinst getan haben, würdigen sie die Nachfahren der »Opfer« — die französisch-stämmigen Kanadier ebenso wie die First Nations. Mich hat dieser Ansatz erstaunt, weil ich ihn aus Europa so gar nicht kenne. Hier suchen wir eher einen Schuldigen und legen den Finger auch Generationen später noch in die Wunde.

Jetzt geht es um die Ahnen

An diesem Punkt reifte in mir die Erkenntnis, warum ich diese Reise unternommen habe: Es ist an der Zeit, alle meine Vorfahren in vollem Umfang zu achten und zu ehren, mich ihrer Geschichte zu stellen und ihr Tun ohne Urteil wertzuschätzen. Meine Ahnen haben ihr Bestmögliches getan. Sie haben ihre Entscheidungen getroffen und Erfahrungen gesammelt, deren Früchte ich in mir trage und an meine Kinder weitergebe. Das zu sehen und zu würdigen, dafür ist jetzt die Zeit gekommen.

Keiner meiner Ahnen hat Fehler gemacht, die ich zu kritisieren habe. Keiner von ihnen, weder von der mütterlichen noch von der väterlichen Seite, ist besser oder schlechter. Sie wollen schlicht und einfach GESEHEN und GEWÜRDIGT werden.

Darum geht es in meinem nächsten Schreibprojekt.

Vergangenes hat mich schon immer interessiert

Mit meinen Ahnen beschäftige ich mich seit meiner frühesten Jugend. Erst habe ich den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern gelauscht. Später habe ich Geschichte studiert und mit Familienaufstellungen nach Hellinger sowie mit Vergebungsarbeit (Ho’oponopono) meinen Platz zu finden versucht.

Und nun werde ich in einem neuen Schritt einen Teil der Geschichte erzählen. Ich werde die Heimat meiner Ahnen besuchen und sie lebendig werden lassen, sodass ihr Erleben und ihre Erfahrungen eine Stimme erhalten. Dieser Schritt ist für mich jetzt dran, so die Botschaft meiner Reise nach und in Kanada.

Auf der Suche nach Wahrheit und Frieden

Worum es dabei letztlich geht? Um nichts Geringeres als die Wahrheit, den Frieden und Liebe — zu allen Menschen und zu allem, was ist. Das ist meiner Einschätzung nach nur möglich, wenn ich für mich und meine Ahnen »aufräume« und anerkenne, was gewesen ist. Dann kann die bis heute schwärende Wunde heilen — bei mir, bei meinen Eltern und auch bei den Ahnen, die voll und ganz hinter diesem Projekt stehen. Da meine Familie aus vielen Teilen Europas stammt und somit Anteile aus vielen Regionen von Südosteuropa über Ost-, Mittel- und Westeuropa in sich trägt, kann hier wirklich Heilung geschehen. Ich freue mich darauf! Und ich bin dankbar für und gespannt auf diese neue Aufgabe in 2020.

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Kommentare: 2
  • #1

    Irene Lauretti (Freitag, 15 November 2019 17:27)

    Super Blog der ABSOLUT zutrifft! Mir geht es ebenso, möchte auch am liebsten an einem Ort sein...aber jede Reise be-wirkte etwas...setzte etwas in Gang...Dein Papa ist weiterhin bei Dir! Ich spüre meinen jetzt sogar mehr als er irdisch präsent war!❤❤❤

  • #2

    Kari (Freitag, 15 November 2019 19:11)

    Liebe Irene,

    vielen Dank für deinen Kommentar! Ja, so habe ich es wahrgenommen: Diese Reise hat etwas be-WIRKT. Vor allem im Nachhinein wird mir das immer deutlicher bewusst.

    Und was meinen Vater betrifft: Manchmal habe ich das Gefühl, er teilt mir Dinge mit: Wünsche, Anregungen ... Er ist da, auf einer energetischen Ebene. Total lieb von dir, dass du mir das von dir schreibst. ❤️

    Alles Liebe für dich �
    Kari