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[Ahnen #1] Sabine Bode über Kriegskinder und Kriegsenkel

Die beiden besprochenen Bücher als eBook bzw. Audiobook
Die beiden besprochenen Bücher als eBook bzw. Audiobook

Über die Autorin Sabine Bode bin ich vor etwa drei Jahren gestolpert. Damals entdeckte ich ihr Hörbuch »Die vergessene Generation«, das sich mit den Folgen von Kriegserlebnissen auf Kinder befasst. Dass Soldaten durch Kriegserlebnisse traumatisiert werden können, ist schon seit längerer Zeit bekannt; ebenso Kriegsopfer, wie zum Beispiel KZ-Überlebende. Aber dass Kinder darunter leiden könnten, schlicht und einfach während des Krieges aufgewachsen zu sein, das war 2009 neu, als das Buch erschien. Genau deswegen hat auch mich das Thema fasziniert, weil meine eigenen Eltern zum Kriegsende 12 bzw. 6 Jahre alt gewesen sind.

Um dir eine Vorstellung vom Inhalt des Buches zu geben, zitiere ich hier die Beschreibung des Hörbuchs von der Verlagsseite:

»Sie haben den Bombenkrieg oder die Vertreibung miterlebt, ihre Väter waren Soldaten, in Gefangenschaft oder sind gefallen. Diese Kriegsvergangenheit zeigt auch heute noch in vielen Familien Spuren, bis in die zweite und dritte Generation hinein. Nach langen Jahren des Schweigens beginnt die Generation der Kriegskinder – in etwa die Jahrgänge 1930 bis 1945 – jetzt ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

Die Kriegskindergeneration ist im Ruhestand, die eigenen Kinder sind längst aus dem Haus. Bei vielen kommen jetzt die Erinnerungen allmählich hervor und mit ihnen auch Ängste, manchmal sogar die unverarbeiteten Kriegserlebnisse. Sie wollen nun über sich selbst nachdenken und sprechen. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter spricht von einer »verschwiegenen, unentdeckten Welt«. Mit den Holocaust-Opfern habe man sich eingehend beschäftigt, mit der Kriegskindergeneration nie. Ihnen wurde gesagt: »Sei froh, daß du überhaupt überlebt hast. Vergiß alles und schau lieber nach vorne!« Sie haben den Bombenkrieg miterlebt oder die Vertreibung, ihre Väter waren im Feld, in Gefangenschaft oder sind gefallen. Diese Erinnerungen haben sie bislang in sich verschlossen gehalten, sie trösteten sich mit der Einstellung: »Andere haben es noch viel schlimmer gehabt als wir.« So wurde eine ganze Generation geprägt: Man funktionierte, baute auf, fragte wenig, jammerte nie, wollte vom Krieg nichts hören - und man konnte kein Brot wegwerfen.«

 

Quelle: Sabine Bode: Die vergessene Generation — Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Random House Audio 2014

Kriege haben Folgen – lebenslang

Mir ist ganz wichtig zu betonen, wie es auch die Autorin in ihrem Buch tut, dass mit diesem Ansatz kein Kriegstrauma einer Bevölkerungsgruppe gegen das einer anderen aufgerechnet werden soll! Die beiden Weltkriege, und insbesondere der 2. Weltkrieg, waren für alle Menschen, die darin in irgendeiner Form als Opfer verwickelt waren, extrem belastend — und zwar lebenslang. Sabine Bode rückt lediglich in den Fokus der Aufmerksamkeit, dass die heutige Großeltern-Generation, die damals während des Krieges Kinder waren, Traumata davon getragen hat, gerade weil sie viele Dinge nicht verstanden haben und über vieles auch im Nachhinein nicht gesprochen wurde — weder in den Familien noch in der Gesellschaft selbst.

Diese Traumata sind heute noch im Verhalten der Betroffenen sichtbar UND haben sich auf die Enkel- und Urenkelgeneration vererbt. Das dies so ist, ist wissenschaftlich in den USA erforscht worden (Link zum Wikipedia-Artikel).

Besonders Kinder leiden unter Kriegsfolgen

Mir persönlich sind viele Verhaltensweisen meiner Eltern sehr viel klarer und damit nachvollziehbarer geworden, nachdem ich das Hörbuch gehört hatte. Plötzlich verstand ich, warum sie — und viele andere Menschen ihrer Generation, die ich kennengelernt habe — genauso waren, wie sie sind:

  • scheinbar wenig empathisch
  • fleißig bis zum Zusammenbruch
  • stumm oder ignorant gegenüber den eigenen Bedürfnissen
  • ihren Kindern gegenüber seltsam abwesend uvm.

Als Kinder Bombardements, die Vertreibung, Hunger, Not oder andere Gräuel mitzuerleben, hat sie innerlich versteinern lassen — mit lebenslangen Konsequenzen.

Traumata werden weitergegeben

Jetzt könnte man meinen, wenn diese Kriegskinder-Generation ausgestorben sein wird, wäre alles gut. Leider nein. Sie haben ihr Trauma weitergegeben. Auch dazu hat Sabine Bode ein Buch geschrieben, das ich an dieser Stelle empfehlen möchte:

 

Sabine Bode: Kriegsenkel — Die Erben der vergessenen Generation. Klett-Cotta 2009/13, eBook-Ausgabe mit der ISBN 978-3-608-10131-7 (Link zum Printbuch beim Verlag).

 

In diesem Werk geht es um die heute 45-60-Jährigen in Deutschland, die in den 1960ern und bis in die Mitte der 70er Jahre in eine Zeit des Friedens und zunehmenden Wohlstands hineingeboren wurden. Eigentlich müssten sie glücklich, erfolgreich und mit ihrem Leben zufrieden sein. Sind sie aber oft nicht. Diese »Kriegsenkel« sind oft (nicht alle!) seltsam gebrochen oder getrieben; sie haben mitunter massive Schwierigkeiten, sich selbst wahrzunehmen, und sehr oft große Beziehungsschwierigkeiten mit ihren Eltern. Was das für das eigene (Er-)Leben bedeutet, mag der eine oder andere an seiner eigenen Biografie studieren. Und es hat wiederum Konsequenzen für die nächste und übernächste Generation, wenn die Wurzel des Ganzen, das Kriegstrauma der (ursprünglichen) Kindergeneration, nicht geheilt wird.

Erkennen ist der erste Schritt

Ein erster wichtiger Schritt ist in meinen Augen das Erkennen, das Wahrnehmen der Situation. Dabei sind die genannten und weitere Bücher der Autorin sehr hilfreich. Wenn ich weiß, wo die Quelle vieler Probleme mit meinen Eltern, Geschwistern und in meinen eigenen Beziehungen liegt, kann ich einen Schritt zur Seite treten und mich selbst aus der Schuld-Falle nehmen. Ich bin nicht schuld, dass das Miteinander so »verkorkst« ist. Ich kann Verständnis aufbringen — mir selbst und meiner Familie gegenüber — und ich kann in die Vergebung gehen. Vergebung ist meiner Meinung nach ein wesentlicher Schritt an dieser Stelle. Dazu werde ich auch noch einmal einen separaten Blogbeitrag im Rahmen dieser Jahresreihe verfassen.

Weitere Unterstützung zum Thema findet man auch hier: bei dem Verein Kriegsenkel e.V. (Link) Es lohnt sich, auf der Website vorbeizuschauen.

Filmische Verarbeitung

Anfang März 2020 wird ein Film mit genau der Thematik in die deutschen Kinos kommen, die Sabine Bode von 10 Jahren erstmals veröffentlicht hat: »Der Krieg in mir«, ein Film von Sebastian Heinzel. Auch in dem Film geht es – wie in dem gleichnamigen Buch – um das Schicksal eines deutschen Soldaten, der während des zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion gekämpft hat und NIEMALS seiner Familie darüber berichtet hat. Trotzdem waren die Folgen bis zu seinem Enkel hin zu spüren!

Mehr über Film und Buch findest du auf der gleichnamigen Website »Der Krieg in mir« (Link).

Ausblick

Dieser Beitrag ist Teil der Jahresreihe 2020 mit folgenden geplanten Themen:

  • Bedeutung der Ahnen
  • Ziel/Inhalt der Jahresreihe
  • Mütter und Töchter
  • Heilung der Ahnen
  • Tod und Sterben
  • Begleitung meines Schreibprojekts
  • Bücher mit Nachhall
    • Sabine Bodes »Kriegskinder und Kriegsenkel«

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