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[Werkstatt #5] Vom Drama zur Dramaturgie

Blick von der Theaterbühne auf leere Stuhlreihen. Urheber des Bildes ist fergregory von www.123rf.com
Vorhang auf für eine spannende Romanhandlung | Foto: © fergregory/www.123rf.com

In den vier vorangegangenen Teilen meiner Beitragsreihe »Blick in die Werkstatt« haben wir uns erste Gedanken über das Romanschreiben gemacht. Aus einer anfänglichen Idee ist eine Handlungsskizze geworden, und auch die Figuren haben Gestalt angenommen. An dieser Stelle des Schreibprozesses kommt nun bei mir die »Dramaturgie« ins Spiel: die Kunst, einer Geschichte, egal ob als Theaterstück, Film oder in geschriebener Form, eine spannende Gestalt zu geben und den Zuschauer bzw. Zuhörer dadurch mitzureißen.

Ich beziehe mich hier also auf die Technik des Geschichtenerzählens, wenn ich vom Begriff »Dramaturgie« spreche. Es gibt auch andere Bedeutungen des Wortes, so z.B. die Dramaturgie in einem Theaterbetrieb, wo es um die Auswahl geeigneter Theaterstücke, die Betreuung der Probenarbeit, die Redaktion der Programmhefte uvm. geht.

Die Dramaturgie im Roman

Nun aber zurück zur Dramaturgie im Roman. Ihre Aufgabe ist es, wie schon gesagt, eine Geschichte so zu erzählen, dass der Leser dem Geschehen im Buch folgen MUSS, weil die Spannung kontinuierlich ansteigt und dabei die Neugierde auf das, was noch kommen mag, unerbittlich anheizt. Der Leser hat keine Chance auszusteigen – und will das auch gar nicht. Warum sollte er, wenn die Story fasziniert und mitreißt?

Dafür ist die Dramaturgie zuständig.

Die klassischen dramaturgischen Modelle

Zu diesem Zweck gibt es mehrere Gestaltungsmodelle, die ich hier nur kurz anreiße, um anschließend auf meine persönlichen dramaturgischen Mittel einzugehen. Im Internet findest Du zahlreiche Bücher und Beiträge zum Thema, sodass Du bei Bedarf dort weiterlesen kannst. Ich verlinke sie Dir im Folgenden.

Das Drei-Akt-Modell

Diese Erzählstruktur basiert auf dem klassischen griechischen Drama. Wie der Name andeutet, besteht ein solches Stück aus drei »Akten« oder Teilen, wobei die Einleitung (oder Exposition) den ersten Akt und der Höhepunkt sowie die Auflösung des Konflikts den dritten Akt ergeben. Der Weg dazwischen – voller spannungsgeladener Momente – füllt den gesamten Mittelteil bzw. den zweiten Akt.

Mehr darüber findest Du bei:

Das Fünf-Akt-Modell

Das Fünf-Akt-Modell erweitert die dreiaktige Form. Fünf entscheidende Handlungspunkte werden gewissermaßen über die drei Akte verteilt, sodass sich eine feinere und gleichmäßigere Untergliederung ergibt.

Mehr darüber findest Du hier:

Die Sieben-Punkt-Struktur

… bringt eine weitere Verfeinerung des fünfteiligen Aufbaus. Es kommen zusätzliche »Druckpunkte« hinzu, die den Protagonisten »unter Druck setzen« und ihn dadurch zwingen, ins Handeln zu kommen. Wenn Dich das interessiert, lies einfach hier bei Der Schreibwahnsinn weiter.

Die Heldenreise

Wem sieben Schritte auf dem Weg zur spannenden Handlung nicht genügen, dem bietet die sogenannte »Heldenreise« zwölf Schritte. Auch hier wird der Held aus seiner gewohnten Umgebung gerissen, muss Abenteuer bestehen, bis er zuletzt über sich hinauswächst und als neuer Mensch in den Alltag zurückkehrt. Bei »Liebe auf Schamanisch« habe ich dieses Modell angewendet.

Sehr genau beschrieben wird die Heldenreise bei Annika Bühnemann sowie in folgendem PDF, das Du Dir hier herunterladen und durchlesen kannst.

Mein Umgang mit der Dramaturgie

Soviel zur Theorie. Nun zu meinem Vorgehen. Nachdem ich meinen Romanerstling völlig frei von der Leber weg geschrieben habe – und in so fast jedes Fettnäpfchen getappt bin, das es gibt, habe ich angefangen, mich mit dem Spannungsaufbau von Romanen zu beschäftigen. Lajos Egri, Gustav Freytag (siehe das Bild rechts) und Alexander Steele haben mir dafür wertvolle Anregungen gegeben. (🔼 Alle drei Bücher habe ich weiter oben im Beitrag bereits zum Autorenhaus-Verlag verlinkt.)

Meinen zweiten Roman »Wunschträume« habe ich daraufhin komplett durchgeplant. Auch das war – ehrlich gesagt – für mich kein Erfolgsrezept. Ich fühlte mich mit der Geschichte unwohl und musste sie mehrfach grundlegend überarbeiten, um aus der Theorie in die Praxis zu kommen. Oder anders ausgedrückt: um dem Buch wieder Leben einzuhauchen.

Das war also auch nicht die für mich passende Methode. So habe ich mich erneut mit dem Thema »Dramaturgie« beschäftigt und für mich folgende Punkte als wesentlich herausgearbeitet, die ich seitdem anwende:

1. Mitten hinein ins Geschehen

Ich steige erst an dem Punkt in die Handlung ein, an dem wirklich die Geschichte des Buches ins Rollen kommt. Als Skizzen – handschriftlich wie auch in Scrivener – gibt es zusätzliche Szenen, die mir geholfen haben, den Startpunkt zu finden. Aber erst genau da beginne ich mit dem eigentlichen Schreiben.

2. Prologe sind Bremsklötze

Ich persönlich nutze keinen Prolog. In meinen Augen ist er in rund fünfundneunzig Prozent der Bücher nicht nur überflüssig, sondern verlangsamt obendrein noch die Story. Wohlgemerkt, das ist meine persönliche Meinung. Du kannst gerne Prologe schreiben und einsetzen.

3. In Szenen denken und schreiben

Ich schreibe und denke grundsätzlich szenenweise. Das bedeutet, dass ich aus einem Handlungsstrang immer nur die Aspekte zeige, die auch wirklich dramaturgisch zielführend sind.

Lass mich das an einem Beispiel erklären: In »Liebe auf Schamanisch« gerät Protagonist Patrick in einen Strudel aus Vorwürfen und Anklagen. Statt ausführlich auf jeden Vorwurf, jede Gesprächssituation und jede seiner Reaktionen einzugehen, schildere ich nur die, die wirklich die Handlung vorwärtsbringen. Alles andere wird nur kurz angedeutet – oder bleibt in meinen Notizen und damit unerwähnt für die Leser.

Das bedeutet allerdings, dass ich vor dem Schreiben einer Szene ganz klar definiere, wer darin auftritt, was geschehen soll und welches Ziel ich verfolge. Wenn ich keines finde, kann die Szene noch so toll sein, ich sortiere sie aus – oder schreibe sie erst gar nicht.

4. Filmische Schnitte

Szenen füge ich nicht achtlos aneinander. Auch hier achte ich strikt darauf, dass die Reihenfolge der Szenen einer logischen Konsequenz dient – und die heißt »Spannungsaufbau«. Jede Szene berichtet etwas für die Dramaturgie Wesentliches. Dadurch können zwischen einzelnen Szenen Stunden, aber auch Tage oder Wochen in der Handlung vergehen. Auch die Erzählperspektive kann wechseln. Das alles ergibt Schnitte in der Handlungsabfolge, wie Du sie vielleicht aus Filmen kennst.

5. Mehrere Handlungsstränge

Meine Romane erzählen mehrere Geschichten parallel. Natürlich steht eine im Vordergrund, nämlich die der Hauptfigur. Ihre Ziele verhaken sich allerdings mit denen des Gegenspielers, sodass gerade diese Figur bei mir ebenfalls eine eigene Geschichte erhält, in deren Verlauf sie ihre Ziele verfolgt.

Auch Nebenfiguren haben Geschichten zu erzählen, sodass es eine oder mehrere weitere Handlungsebenen gibt, die zwar kürzer gehalten sind, aber dennoch immer wieder an die Oberfläche treten und sich mit der Hauptgeschichte kreuzen.

Manche Handlungsstränge erzähle ich parallel in einer einzigen Szene, andere wechseln sich szenenweise oder kapitelweise ab. Zusätzlich würze ich meinen Erzählstil noch mit Cliffhängern und Auslassungen, wodurch die Spannung zusätzlich steigt.

6. Die Erwartungshaltung des Lesers

Außerdem enttäusche ich gerne Erwartungen (nicht im Leben, nur im Roman 😉). In meinem neuen Roman »Plus Size mit der Liebe«, dem dritten Band der Seelenreise-Reihe, setze ich dieses Mittel z.B. bei der Partnerwahl der Hauptfigur ein. Außerdem löse ich Szenen anders auf, als meine Leser es erwarten. Ich spiele mit dem, was Du Dir für meine Hauptfiguren erhoffst.

7. Abwechslung erfreut

Drama und Auflösung, Krise und Hoffnung, Anspannung und Entspannung müssen sich abwechseln. Zwar soll die Handlung im Mittelteil eines Romans bis zum Höhepunkt kontinuierlich ansteigen, aber das heißt nicht, dass die Geschichte beständig von einer Katastrophe in die nächste fällt. Das würdest Du mir als Leser nicht abkaufen. Sowohl Du als auch die Figuren brauchen neben aller Dramatik, in die ich euch stürze, hin und wieder ein paar ruhigere Momente, um Atem zu holen und sich auf die nächste Krise, Verfolgungsjagd oder Schocksituation vorzubereiten.

8. In der Kürze liegt die Würze

Ich habe es mir angewöhnt, Szenen beim Überarbeiten nicht nur als Ganzes zu betrachten, sondern gerade auch von hinten her zu kürzen. Meist enden sie bei mir nämlich mit salbungsvollem Geschwafel. Das kann raus. Plötzlich ist mehr Tempo, mehr Dramatik, mehr Spannung im Text.

Auch ganze Szenen werden bei mir gestrichen, wenn ich das Gefühl habe, sie bremsen das Tempo der Story. Ich bin da inzwischen rigoros. Beim Überarbeiten kürze und lösche ich, so viel wie möglich – und nötig. Im Gegenzug füge ich allerdings Elemente oder Aspekte hinzu, die dem Handlungsfluss dienlich sind.

Wichtig ist dabei, dass sich das »Drama« beständig fortentwickelt und den Leser mitnimmt. Er darf mir an keiner Stelle verloren gehen, sonst habe ich als Autorin »verloren«.

Was bedeutet »Dramaturgie« für Dich?

Ich hoffe, ich konnte Dir einen Einblick in diesen speziellen Aspekt des Schreibens geben. Für mich ist die Dramaturgie schon seit meinem Studium ein altes Steckenpferd, dem ich durch Praktika und meine Magisterarbeit gefrönt habe. Wie ist es bei Dir? Setzt Du sie ein? Oder verlässt Du Dich mehr auf Deinen Bauch? Ich freue mich auf Dein Feedback und das Gespräch mit Dir.

Die nächsten Teile der Beitragsreihe erscheinen jeweils exklusiv am Monatsende im Newsletter und zur Mitte des Folgemonats hier auf dem Blog.

  1. Ausbildung zum Autor
  2. Ideenentwicklung
  3. Figurenentwicklung
  4. Handlungsentwicklung/Plotten
  5. Dramaturgie
  6. Recherche
  7. Rohmanuskript vs. Überarbeitung
  8. Buchsatz
  9. Rezensenten-Team
  10. Netzwerken
  11. Marketing

Du hast weitere Vorschläge oder Wünsche? Dann schreib sie mir gern in den Kommentarbereich. Genauso Deine Meinung zum Thema.

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