Leseprobe aus "Wunschträume"

Beginn des ersten Kapitels

Es klingelte. Das musste meine Freundin Mia sein. Vor ein paar Minuten hatten wir telefoniert und beschlossen, den Abend gemeinsam zu verbringen. Eine Türsprechanlage, über die ich hätte nachfragen können, gab es nicht in meiner Wohnung. Der Altbau in der Wiesbadener Goebenstraße, in dem ich seit gut einem Jahr wohnte, war seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr renoviert worden. Dafür stimmte die Miete, und das war für mich wichtig, weil ich mich mit zwei Jobs und wenig Geld durchs Leben hangelte.

So drückte ich einfach auf den Türöffner, wartete hinter der geschlossenen Wohnungstür und blickte durch die kleinen, mit Blei gefassten Glasscheiben, bis ich Mia die Treppe heraufschnaufen sah. Ihr Anblick zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Mit ihrer Rubensfigur und den kurzen Haaren sah sie richtig süß aus. Ich selbst war mindestens einen Kopf größer als sie, schlank und sportlich. Nur meine Haare mochte ich überhaupt nicht. Meine Eltern hatten die hellroten Löckchen immer fürsorglich als „erdbeerblond“ bezeichnet, dabei fand ich sie schrecklich. Kaum in der Schule hatte ich meinen Spitznamen weg: Miss Piggy. Leider blieb der an mir hängen, selbst als ich mit fünfzehn meinen Typ geändert und meine Haare geglättet und schwarz gefärbt hatte.

Mia hatte mich schon entdeckt und winkte mir aus dem Treppenhaus zu. Ich ließ den Vorhang, den ich zum Hinausschauen weggehalten hatte, wieder vor die Glasintarsien der Wohnungstür fallen und öffnete.

„Hi Mia, komm rein“, sagte ich und trat zur Seite.

„Mensch Crissy, warum wohnst du nicht in einem Haus mit Aufzug? Bis ich bei dir im vierten Stock bin, habe ich mein Sportprogramm für die ganze Woche abgearbeitet.“

„Das wohl kaum.“ Als Trainerin in einem Wiesbadener Fitnessstudio wusste ich, wo Bewegung aufhörte und Fitness anfing. Beim Treppen Steigen gewiss nicht. Ich schloss die Tür hinter ihr.

„Spotte du nur“, sagte sie. „Bei dir bleibt ja kein Gramm Fett an den Knochen hängen.“

„Den Pfunden gefällt’s eben bei dir. Doch wie du sie verscheuchen könntest, habe ich dir schon oft erzählt.“

„Ja, ja, ich weiß. Aber bevor ich mich in engen Sportklamotten unter Menschen wage, muss ich erst mal abnehmen.“

„Aha, du bist wieder auf Diät“, stellte ich fest.

„Ganz genau. Deswegen habe ich auch zum Kochen ein Diätrezept aus dem Internet mitgebracht.“

„Werde ich denn davon satt?“ Mit Mias Magerkost und den winzigen Portionen hatte ich schon schlechte Erfahrungen gemacht.

„Ich habe für dich die doppelte Menge eingeplant.“

Ich lachte. „Wunderbar. Das nenne ich wahre Freundschaft.“

Damit Mia endlich zu Atem kommen konnte, nahm ich ihr den rot geblümten Korb ab. Neugierig spähte ich hinein. Eine Packung Spaghetti, ein paar Tomaten, frische Kräuter, ein Bund Lauchzwiebeln, eine Zitrone. Ich schluckte. Ob mir das genügen würde? Ich griff nach dem ausgedruckten Rezept und überflog es, während ich Mia nach rechts in die Küche folgte.

„Zitronen-Pasta mit Tomaten“, murmelte ich.

„Ich kümmere mich um die Sauce, du um die Spaghetti“, sagte Mia. Sie kannte sich in meiner Küche aus. Seit wir beide solo waren, hatten sich gemeinsame Kochabende als Mittel gegen Trübsal bewährt. Natürlich war auch unsere heutige Aktion auf diesem Boden gewachsen. Gegen Mittag war ich ziemlich schlecht gelaunt von meiner Schwester Alex aus Freiburg zurückgekommen. Ich liebte sie, ihr Mann war nett, die zweijährige Lotta ein echter Sonnenschein, aber so viel heile Welt machte mir meistens schon in der zweiten Nacht dort bewusst, wie einsam ich war.

„Hör auf, dich in Selbstmitleid zu baden.“ Mia klopfte lautstark das große Küchenmesser auf dem hölzernen Hackbrett ab. Ich zuckte zusammen. Sie hatte bereits Tomaten und Lauchzwiebeln geschnitten, während ich mit dem Rezept in der Hand vor der Spüle gestanden und aus dem Fenster gestarrt hatte. Mia hatte recht. Ich hätte mich auch vor eine Wand stellen und dort mit meinen Blicken Löcher in das Mauerwerk bohren können.

„Du wolltest die Spaghetti kochen“, erinnerte sie mich.

„Schon dabei.“ Ich ging zu dem alten, blau gestrichenen Küchensideboard und grub hinter den unteren Schiebetüren einen mittelgroßen Topf samt Deckel für unsere drei Portionen aus. Als ich Wasser eingefüllt hatte, griff ich nach dem Salzstreuer, doch Mia riss ihn mir aus der Hand.

„Auf keinen Fall Salz“, erklärte sie mir. „Nimm von der Gemüsebrühe, die ich mitgebracht habe.“

Ich starrte sie an. „Warum das denn?“

„Ist gesünder.“ Ein mahnender Blick von ihr ließ mich den zweiten Teelöffel des grünlichen Pulvers wieder zurück in das Döschen leeren, statt ihn in das Wasser zu geben. Ich stellte den Gasherd auf die stärkste Stufe und den Topf darauf. Jetzt hatte ich Zeit, bis das Wasser kochte.

„Seit wann machst du dir Gedanken über deine Gesundheit, wenn du auf Diät bist? Bisher wolltest du einfach nur auf dem schnellsten Weg abnehmen.“

„Das stimmt, aber nach ein paar Wochen waren die Kilos jedes Mal wieder drauf – und ein paar neue noch dazu.“

„Dann hör mit dem Diätkram auf. Mach lieber Sport. Damit tust du wirklich was für deinen Körper.“

„Ich kann mich doch so nicht im Fitnessstudio zeigen. Oder habt ihr eine Abteilung für Moppel?“

„Natürlich nicht. Bei uns macht jeder mit, egal ob dick oder dünn.“

„Dein Wasser kocht.“

„Du lenkst vom Thema ab, Mia. Du warst noch nie bei uns, hast also keine Ahnung, wovon du überhaupt sprichst.“

„Gib endlich die Spaghetti in den Topf, sonst ist alles verdampft, bevor du dich in Bewegung gesetzt hast.“

„Das geht schnell.“ Ich riss die Tüte auf, nahm zwei Drittel der Spaghetti heraus, ließ sie in das kochende Wasser gleiten und drückte sie mit dem Kochlöffel vollständig hinein.

„Und wann kommst du in Bewegung und bei uns zu einem Probetraining vorbei?“, fragte ich, während ich die Flamme kleiner stellte.

„Überhaupt nicht, bevor ich nicht die ersten fünf Kilo abgenommen habe.“

„Mia, das funktioniert nicht ohne Sport.“

„Bei mir schon. Ich muss nur konsequent Diät halten. So, ich brauche jetzt die Pfanne für die Sauce.“

„Hängt wie immer über dem Herd.“

Sie erhitzte etwas Olivenöl in der Pfanne. Anschließend dünstete sie die Lauchzwiebeln an, dann kamen die klein geschnittenen Tomaten und Kräuter hinzu. Als sie das Ganze mit wenigen Tropfen Zitronensaft, etwas Honig und geriebener Zitronenschale abschmeckte, wurde ich neugierig.

„Kann ich mal probieren?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf und blieb wie ein Wachhund vor der Pfanne stehen.

„Bitte“, flehte ich.

„Keine Chance.“

Eine neue Strategie war gefragt. „Ich muss die Spaghetti abgießen. Lässt du mich mal an den Herd?“

„Klar doch“, sagte sie, trat zur Seite – und nahm die Pfanne mit. So was hatten wir noch nie.

Ich musste laut lachen. „Kochen wir für uns beide, oder wie dachtest du dir das heute?“, fragte ich amüsiert.

Nach kurzem Zögern stellte sie die Pfanne wieder auf die Gasflamme, und die Sauce köchelte gleich wieder leicht.

„Natürlich essen wir zusammen. Was ist das für eine blöde Frage?“

„Oh, für mich sah das gerade eben so aus, als wolltest du die Sauce für dich allein, während für mich nur der trockene Rest geblieben wäre.“

Ein giftiger Blick begleitete mich zum Spülbecken, wo ich die Nudeln abseihte und anschließend auf die Teller verteilte. Mia beobachtete mich weiter, damit ihre Portion keinesfalls zu groß ausfiel. Ich ließ ihr Verhalten unkommentiert. Zum Glück hielten die Hungerphasen und die mit ihnen verbundene Reizbarkeit nie lange an. Jetzt verteilte sie die Sauce auf den Spaghetti und wir setzten uns zum Essen an den Tisch. Zaghaft kostete ich. Hoffentlich bemerkte Mia nicht, dass ich ihrem Internetrezept nicht so recht traute.

Doch das Essen war fantastisch. Ich hätte nicht gedacht, dass Tomaten, frische Kräuter und Zitrone so gut harmonierten. Umso unverständlicher war mir, warum Mia sich ständig mit Diäten herumplagen musste. Ein bisschen Sport, und sie könnte essen wie bisher.

„Geniale Kreation“, murmelte ich und schob eine weitere Gabel mit aufgerollten Spaghetti in mich hinein.

„Ich bin selbst überrascht.“

„Willst du etwas mehr als das Mini-Portiönchen auf deinem Teller? Ich gebe dir gern etwas von mir ab.“

„Nein, danke. Ich will mindestens zehn Kilo Gewicht verlieren.“

„Und dann?“

„Dann bin ich schlank und attraktiv und finde einen Freund.“

„Und was ist, wenn du wieder zunimmst? Verlässt er dich dann?“

„Bis dahin hat er sich heftig in mich verliebt …“

„… und ist dir so weit verfallen, dass er nicht merkt, wenn du zum Hefeklops mutierst.“

„Dumme Kuh. Aus deinem Mund klingt das ziemlich verletzend. Außerdem hast du keine Ahnung. Für Frauen wie mich gibt es keine vernünftigen Männer, nur Grapscher und Glotzer. Und die brauche ich nicht.“

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht kränken. Dass es für dich nicht einfach ist, einen Freund zu finden, habe ich in den letzten Jahren ja mitbekommen, aber bei mir ist es auch nicht viel besser.“

„Wie kommst du denn darauf? Du warst doch nie lange alleine.“

„Oberflächlich betrachtet schon. Aber wie schnell war es jedes Mal wieder vorbei?“

„Ich dachte, du wolltest nur Spaß.“

„Auch, aber nicht nur.“

„Mit dem Türken damals, da hattest du doch was Ernstes. Wie hieß der noch mal?“

„Mit Erhan, das nennst du ernst?“, rief ich. „Der Typ wollte mich einsperren und am liebsten den Schlüssel wegwerfen. Er wollte ganz allein bestimmen, was ich zu tun hatte und wann ich die Wohnung verlassen durfte. Zum Glück bin ich rechtzeitig abgehauen.“ Dass ich die Spaghetti ständig von Neuem um die Gabel wickelte, bemerkte ich nicht. „Kaum hatte ich Erhan vom Hals, kam Stevie. Der war auch nicht viel besser, aber wenigstens anders.“ Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf.

„Ach ja, stimmt, das war doch der mit der merkwürdigen Frisur.“

„Der schwarze Rasta-Man, richtig. Der tat ständig so ultracool, und dann hab ich ihn mit Speed erwischt. Damit war er für mich erledigt.“

„Aber Timo war doch ganz süß“, meinte Mia, und ihre Stimme wurde plötzlich weich, als sie sich offenbar daran erinnerte, wie heftig er bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit ihr geflirtet hatte.

„Vergiss es! Über den will ich überhaupt nicht sprechen.“

„Wie lange ist es jetzt mit ihm her?“

„Hör auf! Meine Wut kocht gerade wieder hoch.“

Mia warf mir einen kurzen Blick zu, dann wechselte sie das Thema: „Wollen wir nun heute Abend noch etwas machen oder …?“

„Im Augenblick will ich nur meine Ruhe. Meine Stimmung ist im Keller.“

„Du bist einfach nur gereizt, wie immer, wenn du von deiner Schwester zurückkommst. Aber lass uns weggehen. Neue Eindrücke bringen dich bestimmt auf andere Gedanken.“

„Das glaube ich nicht.“

„Vielleicht lernst du ja einen süßen Typen kennen.“

„Heute bestimmt nicht.“

Plötzlich sah mich Mia mit großen Augen an. „Warum wünschst du dir nicht einfach einen Freund? Du bist doch eine Wunschhexe.“

Ich verschluckte mich und musste husten. Meine Fähigkeit, mir Dinge zu wünschen, war etwas Besonderes, fast schon Heiliges. Ein Engel hatte mir als Kind erklärt, wie ich diese Gabe einsetzen sollte. Ich hatte keine Lust, darüber Scherze zu machen, und schon gar nicht beim Essen.

Mia legte derweil das Besteck zur Seite. „Du selbst hast mir damals auf der Party erzählt, dass sich alle Dinge, die du dir wünschst, erfüllen, wenn du sie in ein magisches Buch schreibst.“

Jetzt musste sie das auch noch in allen Einzelheiten wiederholen! „Du glaubst doch nicht an diesen Hexenkram“, brummte ich.

„Glaube ich auch nicht, aber ich finde es niedlich. Manche Leute haben einen Hund, andere sammeln Stofftiere oder schwärmen für einen Filmstar. Du hast eben einen Engel und deine Wünsche. Was soll schon dabei sein? Also ich an deiner Stelle …“ Sie plapperte munter vor sich hin, ohne zu merken, wie unangenehm mir das war.

„Ich kann mir keinen Mann wünschen, Mia!“

„Wer sagt das?“

„Ich sage das, weil es so ist.“

„Hast du’s schon mal probiert?“

„Nein, und ich werde es auch nicht tun.“

„Dann will ich kein Gejammer mehr hören, dass du keinen Freund hast. Also, was machen wir heute Abend?“

Ich zuckte mit den Schultern und räumte schweigend den Tisch ab. Wie sollte ich Mia erklären, dass ich keine Ahnung hatte, ob man sich einen Partner wünschen kann? Darüber hatte mein Engel nie mit mir gesprochen. Was er mir aber immer wieder eingeschärft hatte, war, niemals – unter keinen Umständen – mit anderen Menschen über meine Wünsche zu sprechen. Doch der Alkohol hatte mir damals die Zunge gelöst, und Mia hatte sich prompt alles gemerkt. So ein Mist! Was sollte ich jetzt tun? Lust hatte ich auf gar nichts mehr. Zum Glück hielt Mia wenigstens den Mund, während sie das Geschirr spülte. Für beides war ich ihr dankbar, denn so konnte ich in Ruhe nachdenken. Irgendwo ganz tief in mir tauchte ein kleines Teufelchen auf, das ihr recht gab: Wer sagte eigentlich, dass ich mir nicht doch einen Partner wünschen konnte?