Leseprobe aus »Liebe auf Schamanisch«

Live-Lesung per Google Hangout vom 23.05.2016

Beginn des ersten Kapitels in Textform

Christiane

Meine Blicke streichelten den Körper neben mir. Sanft webte das durch die Vorhänge hineinfließende Licht der nächtlichen Großstadt einen Weichzeichner, der sich über den nackten Oberkörper und die zur Seite gerutschte Sommerdecke schmiegte. Die Nacht war lau und friedlich. Der Autoverkehr und gelegentlich vorbeirauschende S-Bahnen drangen nur gedämpft durch die Straßenschlucht nach oben. Doch im Augenblick gab es für mich nichts Schöneres, als hellwach neben dem Mann zu liegen, dem mein Herz gehörte. Er war sportlich, auf eine zurückhaltende Weise attraktiv – und mein Traummann: Der Mann, den mein Engel Ylo’omzak mir im Traum gezeigt hatte, als ich mir den perfekt passenden Partner gewünscht hatte.

Seit meiner Kindheit besaß ich die Gabe, meine Wünsche wahr werden zu lassen, indem ich sie in ein magisches Wunschbuch eintrug und meinen Engel um Hilfe bat. Dass ich bei meinem Partnerwunsch Schwierigkeiten gehabt hatte, die Patrick in einen Unfall verwickelt und ihm einen gebrochenen Arm beschert hatten, war ein Thema, an das ich in unserer ersten gemeinsamen Nacht in Berlin lieber nicht denken wollte.

Patrick war so anders als all die Männer, zu denen es mich bislang hingezogen hatte. Niemals hätte ich erwartet, dass der seltsam scheue Nachbar, der seit über einem Jahr Tür an Tür mit mir wohnte, mein Herz erobern würde. Aber genau das war geschehen. Manchmal kam es mir wie ein Wunder vor, dass Patrick nach all dem, was vorgefallen war, den Mut aufgebracht hatte, mit mir eine Beziehung einzugehen.

 

Mein Blick wanderte zu seinem Gesicht. Er hatte den Mund leicht geöffnet. In der Dunkelheit wirkte er unendlich friedlich, beinahe glücklich. Wir waren jetzt seit knapp drei Wochen zusammen, und wir hatten beide unsere gemeinsame Zeit genossen. Doch ich ahnte mehr, als ich wusste, dass ein Teil von ihm auf Distanz blieb. In den letzten Tagen hatte er sich immer mehr in sich zurückgezogen und richtig körperlich verkrampft. Dabei versuchte ich, mir weiszumachen, alles wäre in schönster Ordnung. Es gab so vieles, über das er nicht sprach, aber ich hatte mir zu Beginn unserer Beziehung vorgenommen, ihn nicht zu bedrängen. Er sollte selbst entscheiden, wann er sich mir öffnete.

Allerdings hoffte ich, dass unsere Zeit in Berlin diesen Prozess beschleunigen würde. Ich hatte ihn zu dieser Reise überredet, nachdem er endlich den Unterarmgips losgeworden war. Die letzten Stunden schienen mir recht zu geben: Mit jedem Kilometer, den sich der Fernbus dem Reiseziel genähert hatte, hatte sich Patrick mehr entspannt. Immer wieder hatte er nach meiner Hand gegriffen, sie für einen Moment festgehalten und mir strahlend ins Gesicht gesehen. Und als uns dann die Rezeptionistin beim Einchecken nach unseren Zimmerwünschen gefragt hatte und wir uns beide wie aus einem Munde für das Doppelbett entschieden hatten, kannte mein tanzendes Glücksgefühl keine Grenzen. Meine Finger auch nicht: Sie hatten sich mit seinen verflochten, während er den Zimmerschlüssel entgegen genommen hatte. Wieder betrachtete ich seine geschlossenen Lider mit den langen, ineinander verschränkten Wimpern. Seine braunen Augen waren, wie so vieles an ihm, völlig unscheinbar. Normalerweise. Doch es gab Momente, in denen sie von einem pulsierenden Leuchten erfüllt wurden: Wenn er anderen Menschen bis in die Tiefe ihrer Seele sah und deren Botschaften empfing. Genauso eigenartig war sein Stottern. Mal stieß er nur mit Mühe Worte hervor, mal sprach er flüssig mit einer tiefen warmen Stimme, die mein Innerstes jedes Mal zum Klingen brachte. Gedankenverloren strich ich ihm über die Haare.

 

»Christiane?« Zärtlich umschmeichelte mich mein Name.

»Ich wollte dich nicht wecken. Aber dich nur anzusehen, war mir plötzlich zu wenig. Ich musste dich einfach berühren.«

Das von außen hereintröpfelnde Licht verirrte sich in seinen Haaren, sein Gesicht lag im Schatten. Er strich mir über die Wange, dann beugte er sich zu mir und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen.

»Besser?«, fragte er.

»Ein wenig.«

»Aber du willst mehr.« Sein Tonfall ließ mich ahnen, dass er schmunzelte.

»Ja.«

»Rutsch rüber«, forderte er mich auf.

Inzwischen wusste ich, was er damit meinte: Dass ich mich mit dem Rücken an ihn schmiegen sollte, während er mich in seine Arme schloss, mich streichelte und mit dem Feuer spielte. Aber mehr ließ er nicht zu. Noch nicht, hoffte ich. Ich spürte seine Männlichkeit an meinem Po, und er stöhnte auf, als ich mich dagegen presste. Ein wohliger Schauer überzog mich. Ich griff hinter mich und strich ihm sacht über die nackte Haut am Rücken. Jetzt war er es, der sich unter meiner Berührung wand. Seine Lippen liebkosten meinen Nacken. Ich wollte endlich mehr. Wie von selbst wanderte meine Hand zwischen uns und machte sich auf den Weg zu seiner Körpermitte. Doch seine Finger legten sich auf meine, verflochten sich mit ihnen und führten sie wieder nach vorne.

»Noch nicht, Christiane«, hauchte er.

»Du willst es doch auch. Das merke ich deutlich. Was hindert dich daran, dich mir ganz hinzugeben?«

»Noch nicht.«

»Bitte sag mir den Grund, Patrick. Ich möchte dich verstehen.« Schon ein paar Mal hatte ich ihn gefragt, doch er wich mir beharrlich aus. So auch jetzt. Er strich meine Haare aus dem Nacken und ich spürte zarte Küsse auf meiner Haut. Ich sprach meine Vermutung aus. »Hat das auch mit deiner Gabe zu tun?«

»Bitte hab Geduld.«

»Muss ich ja wohl, wenn ich mit dir zusammen sein will.«

»Ich bin a-anders«, murmelte er mit einem kleinen Hängenbleiben, das mir zeigte, dass ich nicht weiterbohren durfte. Zumindest im Augenblick nicht.

»Das weiß ich«, erwiderte ich. Ich dirigierte seine Hand an mein Herz, legte meine obenauf und umschloss sie.

»Danke«, flüsterte er.

Ich spürte, wie er sich nach und nach hinter mir entspannte, der Druck an meinem Gesäß ließ nach und seine Atemzüge wurden langsamer. Schließlich folgte auch ich ihm in den Schlaf.

 

oOo

 

Patrick

Gestern Abend nach unserer Ankunft hatte mich der Blick über die Dächer Berlins überwältigt. Ich hatte mit Christiane im Arm auf der Dachterrasse der Cafeteria gestanden und den Blick über die Häuser auf der anderen Straßenseite schweifen lassen, von dort über die Baukräne in der Ferne bis zu den Hochhäusern rund um das Europa-Center.

Heute Morgen stand mir der Sinn nicht nach schöner Aussicht. Ich war vom Frühstücksbuffet, das in der Cafeteria angerichtet war, und den vielen Menschen auf engstem Raum nach draußen auf die Dachterrasse geflohen. Um mich herum hatte die Luft zu flirren begonnen. Ich hatte das Licht und die elektrischen Entladungen gespürt, die nach einem Kanal – nach mir – gesucht hatten. Irgendwo unter all den Menschen im Frühstücksraum war jemand, dessen Seele auf Sendung war und mir ihre Botschaften aufdrängen wollte. Zumindest kam es mir so vor. Doch ich hatte die Anzeichen früh genug erkannt. Die Bilder waren noch unscharf gewesen. Ich hatte fliehen können, bevor ich vollkommen vereinnahmt gewesen wäre und keine Kontrolle mehr über mich gehabt hätte. Ich wollte nichts empfangen, weder jetzt noch sonst!

So fand ich mich jetzt auf der Dachterrasse wieder, den Blick in die Ferne gerichtet. Es nieselte. Entsprechend einsam war es, was mir recht war.

Die Schiebetür hinter mir wurde geöffnet. Zwar versuchte ich, das Geräusch zu ignorieren, dennoch musste ich mir eingestehen, dass ich nicht einmal hier in Sicherheit war. Irgendjemand schickte sich an, meine Ruhe zu stören. Dabei wollte ich alleine sein. War das so schwer zu erkennen? Nun gut, ich würde auch diesen Platz räumen.

Ich wollte mich gerade umdrehen und erneut die Flucht ergreifen, als ich eine Hand im Rücken spürte.

»Hier bist du!« Christianes Stimme.

Ich wandte mich ihr zu, und ihre grünen Augen blitzten mich fröhlich an.

Sie registrierte das feuchte Geländer und die nassen Sitzmöbel. »Was machst du hier draußen? Es regnet!« Sie zog die Schultern hoch und versuchte gleichzeitig, den Kopf einzuziehen. Sie sah so bezaubernd aus.

Wortlos zog ich sie an mich und atmete den blumigen Duft ihrer Haare ein. Meine Sprache würde mir im Augenblick nicht gehorchen.

Christiane schälte sich aus meinem Arm und musterte mich mit zusammengezogenen Augenbrauen. Ich wusste, was das bedeutete: Sie würde so lange nachbohren, bis sie eine befriedigende Antwort hatte.

»Patrick? Ich rede mit dir. Du hast noch gar nicht gefrühstückt.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Du willst mir jetzt nicht weismachen, dass du keinen Hunger hast? Wo wir uns gestern Abend nur an ein paar Automatensnacks bedient haben.«

Ich gab mich geschlagen. »G-geht nicht.«

Sie drehte sich um und sah nach drinnen. »Du hast wieder Seelenbilder empfangen? Einfach so beim Frühstück?«

»D-das Seelensehen fragt n-nicht.«

»So läuft das hier nicht«, erklärte sie resolut. »Ich will frühstücken, und zwar mit dir.«

»N-nein.« Ich konnte keinesfalls wieder zurück. Das Essen würde mir im Hals stecken bleiben.

»Dann gehen wir woanders hin. Hier in Charlottenburg gibt es genügend kleine Bistros, in die wir uns setzen können.«

In meinem Bauch ging die Sonne auf. Das war sie, meine Christiane, in die ich mich verliebt hatte. Jetzt meldete sich auch mein Hunger wieder.

»O-okay«, murmelte ich und hielt ihr meine Hand hin. Sie ergriff sie und gemeinsam meisterten wir die entgegenflirrende Strömung des Frühstücksraums.