[Werkstatt #6] Raus aus der Schreibstube

Frau interviewt einen Mann. Das Foto stammt von macor bei 123rf.com
Interviews sind für mich feste Bestandteile des Recherchierens | Foto: © macor/de.123rf.com

»Recherchieren« bedeutet für mich, mich mit einem mir unbekannten Thema vertraut zu machen, um darüber in einem Buch zu schreiben. Bei einem historischen Roman ist es auf Anhieb nachvollziehbar, dass ein Autor so vorgehen sollte, doch bei einem zeitgenössischen Liebesroman? Wie es andere Autor*innen halten, kann ich nicht einschätzen. Ich persönlich kann nur sagen, dass ich bislang für jedes Buch gründlich recherchiert habe. Nur mit ausreichend Hintergrundwissen kann ich meine Figuren plausibel und überzeugend in den verschiedensten Situationen agieren lassen.

Dabei gibt es natürlich Themen, die ich aus meinem eigenen Leben kenne und deswegen also nicht zu recherchieren brauche. Dazu gehören Ninas Beruf als Verlagsmitarbeiterin in »Blind Date mit der Liebe« (ich habe selbst zwanzig Jahre im Verlag gearbeitet) und Ricos Arbeit als freier Journalist in »Wunschträume« (kenne ich aus meiner freiberuflichen Mitarbeit bei einer Tageszeitung während des Studiums). Andere Themen haben mich fasziniert, waren mir aber nicht vertraut und so habe ich mir Gesprächspartner gesucht, die ich ausführlich interviewt habe. Dazu gehören zum Beispiel die Arbeit in einem Fitnessstudio (komplette Seelenreise-Reihe), der Alltag eines Blinden (»Blind Date mit der Liebe«), die Polizeiarbeit (»Blind Date mit der Liebe«) und Daniels Verletzungen (»Plus Size für die Liebe«). Im Grunde genommen recherchiere ich für jedes meiner Bücher. Für mich macht das einen großen Reiz meiner Arbeit aus. Ich finde es spannend, dadurch neue Menschen und deren Alltag kennenzulernen.

Mein Vorgehen

Das Recherchieren findet bei mir in zwei Schritten statt: vor und nach dem Schreiben des Rohmanuskripts. Etwa ein Viertel erledige ich vor dem Schreiben, knapp drei Viertel nach Fertigstellung des Rohmanuskripts und ein kleiner Anteil entfällt auf das Googeln während des Schreibens, falls doch mal eine ungeklärte Frage auftaucht.

Einstieg ins Recherchieren

Aus den vorangegangenen Blogbeiträgen weißt Du bereits, dass ich mich nicht einfach so an den Schreibtisch setze und ins Blaue hineinschreibe. Bevor ich mit einer Geschichte starte, habe ich im Vorfeld einiges durchdacht: Es gibt eine Grundidee, Figuren, eine Prämisse und eine grobe Handlung. Daher weiß ich natürlich, welche Aspekte die Geschichte streifen wird und wo ich mir am besten im Vorfeld Informationen besorge.

Für »Blind Date mit der Liebe« etwa habe ich bereits VOR dem Schreiben des Romans nach blinden Interviewpartnern gesucht, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie tageweise in ihrem Alltag zu begleiten. Wie sonst hätte ich meine Handlung entwickeln können, wenn ich nicht ein Gefühl dafür gehabt hätte, wie ein Blinder empfindet, sich bewegt, sich orientiert und vieles mehr?

Sammeln von Hintergrundinformationen

Für ein neues Projekt, das ich demnächst angehen werde, weiß ich zum Beispiel, dass die Story über große Strecken im Elsass spielen wird. Um also ein Händchen für die Figuren, die Menschen und die Geschichte zu entwickeln, werde ich VOR dem eigentlichen Schreiben ein paar Tage ins Elsass fahren und recherchieren: Handlungsort, Wesen der Elsässer, Klang der Sprache, regionale Küche, Sehenswürdigkeiten und vieles mehr. Ich werde mich inspirieren lassen. Und natürlich im Vorfeld schon mal ein bisschen in Bildbänden, Reiseführern und bei Tante Google stöbern.

Bevor ich also in die eigentliche Schreibphase eintauche, kläre ich notwendige Hintergrundinformationen ab. Beim Schreiben selbst will ich nämlich nicht gestört werden. Da muss die Energie fließen. Wenn Fragen auftauchen, gibt es nur das Internet oder einen Telefonanruf zu jemandem, der sich auskennt.

Nach der Rohmanuskript-Phase

Ein Diktiergerät schaut aus der Handtasche. Das Foto ist von Stepan Popov von 123rf.com
Bei Interviews immer dabei: das Diktiergerät | Foto: © Stepan Popov/de.123rf.com

Sobald das Rohmanuskript steht, muss der Text – so meine Meinung – ausgiebig ruhen. Das ist der ideale Zeitpunkt, um alles auf den Prüfstand zu stellen, was ich geschrieben und behauptet habe. Für »Blind Date mit der Liebe« bin ich in dieser Zeit Tandem gefahren, habe mit einem Polizeikommissar über dessen Arbeit gesprochen und habe eine Führhundeschule besucht und mit den Besitzern abgeklärt, dass sie die Passagen mit Linus im Buch gegenlesen und eventuell korrigieren.

Bei »Wunschträume« habe ich in dieser Arbeitsphase ein langes Interview mit dem Geschäftsführer eines Fitnessstudios geführt, um zu erfahren, wie das Training aufgebaut ist, wie Trainer denken und was im »Hintergrund« eines Studios passiert. Und für »Liebe auf Schamanisch« bin ich in dieser Zeit durch Nordfriesland gefahren und habe mir mögliche Schauplätze angesehen. Google Earth ist nett für die Grobplanung, kann aber den Live-Eindruck nicht ersetzen.

Zwischen Rohmanuskript und Überarbeiten erledige ich den Großteil der Recherchearbeit. Das bedeutet auf der anderen Seite allerdings auch, dass ich in der sich anschließenden Überarbeitungssession nicht nur die Sprache des Manuskripts durchsehe, sondern noch mal richtig tief in den Inhalt einsteige. Jetzt wird aus dem Phantasiegebilde ein handfester Roman.

Interviews bereichern mich

Recherchieren ist für mich keine Pflichterfüllung, sondern macht mir Spaß. Das ist die Phase meiner Arbeit, in der ich das Haus verlasse, Kontakt zu Menschen suche, mich ihnen nähere, sie »erspüre« und möglichst tief in ihr Leben eintauche. Genau das macht Recherchieren für mich so reizvoll. Dann kann ich eine meiner besonderen Gaben, meine Hochsensitivität, für mich sinnvoll einsetzen.

Das ist kein bewusster Prozess, sondern geschieht unbewusst. Ich vertraue einfach auf meinen inneren »Festplattenrekorder«, der alles aufzeichnet und dann wieder abspielt, wenn ich im Schreib- oder Überarbeitungsprozess bin und auf die gesammelten Informationen zurückgreife. Natürlich nehme ich Interviews mit dem Diktiergerät auf und habe alle Fragen im Vorfeld vorbereitet, sodass ich die Fakten mitbekomme. Das andere, das »Übersinnliche«, geschieht nebenher ohne mein bewusstes Zutun – und ist doch genauso wichtig, wenn nicht fast noch entscheidender für meine Arbeit. Keine Ahnung, ob es meinen Interviewpartnern auffällt, wie intensiv ich sie »abscanne«, und ob es sie stören würde, wenn sie es wüssten. Würdest Du wissen wollen, wieviel ich von Dir an Zusatzinformationen aufnehme, bevor ich mit Dir ein Interview führe?

Die nächsten Teile der Beitragsreihe erscheinen jeweils exklusiv am Monatsende im Newsletter und zur Mitte des Folgemonats hier auf dem Blog.

  1. Ausbildung zum Autor
  2. Ideenentwicklung
  3. Figurenentwicklung
  4. Handlungsentwicklung/Plotten
  5. Dramaturgie
  6. Recherche
  7. Rohmanuskript vs. Überarbeitung
  8. Rezensenten-Team
  9. Netzwerken
  10. Marketing

Du hast weitere Vorschläge oder Wünsche? Dann schreib sie mir gern in den Kommentarbereich. Genauso Deine Meinung zum Thema.

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