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Kurze Textformen im Überblick

Fünfzig Jahre alte Spieluhr des westdeutschen Sandmännchens | Foto: Kari Lessír
Das Sandmännchen – fünfzig Jahre alte Spieluhr aus Privatbesitz | Foto: Kari Lessír

In wenigen Tagen ist es soweit, genauer gesagt an Ostermontag. Dann erscheint meine Kurzgeschichten-Sammlung »Träume, die im Regen splittern«. Bislang habe ich spirituelle Liebesromane veröffentlicht, d.h. großangelegte Werke, die im Falle der Seelenreise-Reihe sogar mehrere Bände umfassen. Deswegen ist meine Neuveröffentlichung etwas ganz anderes. Eine Sammlung kurzer Texte, die vorwiegend zur literarischen Gattung der Kurzgeschichte gehören. Es gibt aber auch Märchen und Erzählungen. Und so halte ich es für sinnvoll, im Vorfeld zu erklären, was es mit den Textgenres auf sich hat. Denn ich habe sie ganz bewusst gewählt. Ich wollte mich in der Kürze ausprobieren.

Was ist eine Kurzgeschichte?

Versteckt sich dahinter einfach nur ein kurzer Text, eine »kurze Geschichte«?

NEIN, absolut nicht.

Die Kurzgeschichte – oder auf englisch »Short Story« – ist eine eigenständige literarische Gattung mit spezifischen Merkmalen, die in ihrer Gesamtheit vorhanden sein können, aber nicht vollzählig vorhanden sein müssen. Lass uns mal nach den einzelnen Punkten schauen:

1. Die Kurzgeschichte hat einen beschränkten Umfang

Sie kann nur wenige Buchseiten, aber durchaus auch bis zu dreißig Seiten umfassen. Insofern ist der Umfang nur eines, aber nicht das entscheidende Kriterium.

2. Die Handlung beginnt mitten im Geschehen

Die typische Kurzgeschichte kennt keine Einleitung. Als Leser stürzt man quasi mitten in den geschilderten Vorfall hinein. Das ist ein ganz typisches Charakteristikum.

3. Der Schluss bleibt offen

Parallel zum Anfang wird der Leser auch am Ende wieder auf einen Schlag aus der Handlung hinausbefördert. Der Schluss ist wie ein unvorhergesehener Tritt in den Allerwertesten, der oft zusätzlich mit einer überraschenden Pointe kombiniert ist. Beides sind wesentliche Merkmale für Kurzgeschichten.

4. Die erzählte Zeit ist sehr kurz

Oft sind es nur Minuten oder wenige Stunden, die in einer klassischen Kurzgeschichte geschildert werden.

5. Die Handlung wird in der Regel linear erzählt

Die Handlungsabfolge entspricht der zeitlichen Abfolge auf einem Zeitstrahl; Zeitsprünge – wie z.B. in einem Roman – kommen nur ganz, ganz selten vor. Bei der Kürze der Handlung eigentlich verständlich.

6. Die handelnden Figuren werden nicht entwickelt

So wie man als Leser mitten in die Handlung geworfen wird, wird man auch mit den Figuren konfrontiert. Sie sind so, wie sie sind. Sie verändern sich nicht und man erfährt auch als Leser nicht, warum sie sich genauso verhalten, wie sie es in der Kurzgeschichte tun. Auch das gehört zum Aspekt »Mitten hinein und mitten hinaus«.

7. Die Handlung befasst sich oft mit Alltagsthemen

Anders als im Roman geht es in der Kurzgeschichte um das Alltägliche, während dort ja genau das Besondere, das Ausgefallene herausgearbeitet wird. Hier jedoch geht es um das Normale, das jedem von uns geschieht und das in einem kurzen Ausschnitt aus einer begrenzten Perspektive knapp angerissen wird.

8. Es gibt nur wenige Protagonisten

Entsprechend dem Motto der Verknappung ist auch das Figurenkarussell auf das Äußerste begrenzt. Mitunter haben die Figuren noch nicht mal einen Namen; sie bleiben als »sie« und »er« Karikaturen ihrer selbst. Zudem sind es keine strahlenden Helden, sondern Menschen wie »du und ich«: Alltägliche Personen, die direkt aus dem Alltag zu kommen scheinen.

9. Orte und Schauplätze bleiben oft neutral

In typischen Kurzgeschichten wird oft nicht gesagt, wo genau die Geschichte spielt.

10. Die Geschichte bleibt auf Distanz

Es fehlen oft urteilende oder wertende Formulierungen. Der Leser soll sein eigenes Urteil fällen. Das betrifft auch das Entschlüsseln von Leitmotiven oder Metaphern; auch hier muss der Leser selbst aktiv werden.

Kurzgeschichten helfen, sich zu fokussieren

Mit vielen dieser Aspekte konfrontiere ich Dich in dem Sammelband »Träume, die im Regen splittern«. Die meisten Texte entsprechen genau der dargestellten Definition klassischer Kurzgeschichten. Mich in der Verknappung auszuprobieren, hat für mich den Reiz des Schreibens ausgemacht. Bei jedem Text hatte ich ein klares Thema vor Augen, um das es mir ging und das ich in einer auf das Essentielle reduzierten Form darstellen wollte. Die Essenz herauszuarbeiten ist dann allerdings wieder Deine Aufgabe als Leser_in der Kurzgeschichten; einen kleinen Einblick gebe ich zur Zeit mit den Zitatschnipseln, die ich in den sozialen Medien streue. Hier im Blogartikel habe ich ein paar beispielhaft mit Erklärung gepostet, um dir einen Einblick in die Thematiken zu geben.

Märchen sind uns eher geläufig

Außerdem gibt es in dem Sammelband zwei Märchen, die ebenfalls sehr kurz gehalten sind. Trotzdem hoffe ich, dass Du mit den Texten warm wirst, da wir sie in unserer Kultur durch die Märchen der Gebrüder Grimm, Wilhelm Hauffs oder Hans Christian Andersens gewohnt sind. Hier in aller Kürze typische Märchen-Elemente, die auch ich einsetze:

  1. Das einleitende »Es war einmal …« sowie das abschließende »Und wenn sie nicht gestorben sind …«
  2. Ansiedlung in einer nicht realen oder abstrakten Welt
  3. Ort und Zeit sind unbestimmt
  4. Tiere, Dinge und Pflanzen sind Helfer
  5. Dem Held wird eine Aufgabe gestellt, die er lösen muss
  6. Damit in Zusammenhang steht oft eine Schwäche des Helden, die die Aufgabe überhaupt erst herausfordert
  7. Sprüche, Verse und Zahlen haben eine besondere, oft magische Bedeutung im Märchen

Metaphern

Ursprünglich waren beide von mir in die Sammlung aufgenommenen Märchen Metaphern, die ich im Rahmen meiner Ausbildung zum NLP-Practitioner verfasst habe (NLP = Neurolinguistisches Programmieren, das ist eine besondere Methode des Coachings). Ich habe sie im Zuge des Überarbeitungsprozesses umformuliert und das Märchenhafte noch stärker betont.

Was ist eine Erzählung?

Zusätzlich gibt es auch Erzählungen in »Träume, die im Regen splittern«: Dazu gehören »Taxi zum Himmel«, »Annas Traum« und »Ticket nach Hamburg«. Wenn du sie liest, wirst du nachvollziehen können, warum sie eben gerade keine Kurzgeschichten sind.

  1. Sie haben eine klare Einleitung.
  2. Sie haben einen Hauptteil mit einem eindeutigen Höhepunkt und einen daraus entspringenden Schluss.
  3. Die Handlung ist überschaubar, von mittlerer Länge (d.h. deutlich ausführlicher als bei einer Kurzgeschichte) und ebenfalls chronologisch erzählt, aber bei weitem nicht so »kompliziert« wie bei einem Roman.
  4. Es gibt nur eine Erzählperspektive.
  5. Rückblenden tauchen, wenn überhaupt, vorwiegend in Form von Erinnerungen oder Briefen auf.

Warum diese kurzen Textformen?

Das ist genau die Frage. Kurze Textformen bieten ein intensiveres Spielfeld. Hier muss jedes Wort sitzen. Im Roman verzeiht mir der Leser bzw. die Leserin durchaus mal einen unglücklich formulierten Satz; in einer kurzen Textform nicht. Gerade die Kurzgeschichten habe ich aufgrund dessen bis zu dreißigmal überarbeitet, bevor sie zusätzlich ins Lektorat gingen.

Daran erkennst Du auch, dass kurze Textformen in meinen Augen keine Anfänger-Spielwiese sind. Gemeinhin denkt man als junger Autor bzw. Autorin, fange ich doch einfach mal mit einer Kurzgeschichte an. Kann man machen, aber damit nimmt man eine ganz schön hohe Herausforderung an.

Mir persönlich boten sie die Möglichkeit, ein Thema ganz tiefschürfend darzustellen. Um das Thema »Verlust eines Kindes« wollte ich ursprünglich mal einen ganzen Roman verfassen, aber während des Plottens spürte ich, dass mir das Werk zu düster geraten würde. Also habe ich nur Teilaspekte herausgegriffen und mich an ihnen in Kurzgeschichten versucht. Drei davon sind in dem Sammelband enthalten: »Der Waldsee«, »Dad ist cool« und »Das Duell«.

Deine Meinung

Jetzt bin ich gespannt auf deine Meinung zu dem Werk. Ich hoffe, Dich ein wenig auf das vorbereitet zu haben, was sich rein formal hinter dem Titel verbirgt. Weitere Aspekte folgen in den nächsten Blogartikeln.

Als Quellen habe ich übrigens Wikipedia und wortwuchs.net genutzt.

Alle Blogbeiträge zum Thema:

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