[Werkstatt #3] Die Sache mit den Figuren

Marionetten auf einer Bühne
Figuren lassen eine Romanidee lebendig werden | Foto: ©mch67/123rf.com

Kannst Du Dir einen Roman ohne Figuren vorstellen? Ich nicht. Vielleicht mag es in der Lyrik möglich sein, Stimmungen und Emotionen als zentrales Element einzusetzen, um das sich die Handlung dreht. Doch in der Belletristik erscheint mir das kaum zu funktionieren. Hier stehen Figuren im Mittelpunkt des Geschehens. Für mich kommen sie gleich an zweiter Stelle, direkt nach der »Idee«, über die ich in meinem letzten Blogbeitrag der Reihe »Blick in die Werkstatt« geschrieben habe.

Figuren entstehen im Kopf

Sobald die Grundidee des Romans steht, tauchen in meiner Arbeit als Autorin die Figuren auf und wollen gestaltet werden. Das geschieht grundsätzlich erst einmal in meinem Kopf. Ich beobachte, wie sie sich in der Idee verhalten, wie sie sprechen, sich bewegen und mit weiteren Figuren interagieren.

Den Anfang macht dabei in der Regel die Hauptfigur, der Protagonist. Oft wird er von einer ersten Nebenfigur begleitet, dann tritt schon recht bald der Gegenspieler bzw. der Antagonist auf die Bildfläche. Während ich den Figuren in meiner Vorstellung zusehe, ihnen zuhöre und mitempfinde, werden sie allmählich plastischer und lebensechter.

Auf dem Weg zum Roman

Irgendwann ist der Platz in meinem Kopf »voll«. Dann wird es Zeit, die Figuren auf Papier zu bannen und mit dem rationalen Verstand weiterzuentwickeln. Dafür nutze ich ganz konkrete Hilfsmittel:

1. Gebrauchsanleitung zum Figurenentwerfen

An erster Stelle steht bei mir immer das Kapitel »Figuren« des Autorenratgebers »Romane und Kurzgeschichten schreiben« von Alexander Steele. Dort sind zahlreiche Aspekte genannt, die weit über das Aussehen einer Figur hinausgehen und sie lebensecht werden lassen. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Charakter
  • Vorlieben
  • Vorgeschichte
  • Ausbildung und Beruf
  • Hobbys
  • Familie und Freunde
  • Marotten
  • Schwächen und Stärken
  • Träume und Hoffnungen
  • Ängste und Sorgen
  • Geheimnisse
  • Humor
  • Bevorzugte Kleidung
  • Sprache
  • Ziele und Hindernisse auf dem Weg zum Ziel
  • Und vieles mehr

Aus diesen und vielen weiteren Aspekten habe ich mir im Verlauf der letzten Jahre in meinem Autorenprogramm Scrivener zwei Personalbögen erstellt – einen ausführlichen für Hauptfiguren sowie einen deutlich kürzeren für Nebenfiguren –, mit denen ich grundsätzlich arbeite. Den Ratgeber selbst ziehe ich inzwischen kaum noch zu Rate, muss ich gestehen.

2. Die Figur wird sichtbar

Im nächsten Schritt suche ich mir in den verschiedenen Fotoportalen ein Porträt, das für mich hundertprozentig zur Figur passt. Mit entsprechendem Zeichentalent kann man sicher auch selbst ein Bild der Figur malen, aber in dieser Liga spiele ich nicht. Ich setze also auf ein Foto, das mir die Person wirklich vor Augen führt. Allerdings ist dieses Bild nicht das, das dann letztlich auf dem Cover erscheint. Beide Fotos liegen oft meilenweit auseinander, weil mein inneres Bild der Figur oft nicht »covertauglich« ist.

Als Beispiel zeige ich Dir hier mein Porträt von Patrick, wie ich ihn empfinde und während des Schreibens vor Augen hatte, im Vergleich zum Coverfoto der Figur auf dem Roman »Liebe auf Schamanisch«. Die Ausstrahlung der beiden Männertypen könnte nicht unterschiedlicher sein. Das linke Bild repräsentiert die Figur, das rechte wurde aus Marketinggründen gewählt. Darüber sprechen wir ausführlicher zu einem späteren Zeitpunkt der Beitragsreihe.

3. Personalbögen

Manchmal ist es notwendig, noch weiter in die Tiefe einer Figur einzusteigen. Dazu verwende ich die Personalbögen meiner Autorenkollegin Heike Fröhling. Sie stellt sie auf ihrem Blog unter diesem Link kostenlos zur Verfügung.

Darüber hinaus bietet sie eine informative Beitragsreihe über das Romanschreiben. Heike Fröhling aka Leonie Haubrich weiß, worüber sie spricht; sie ist mit ihren belletristischen Werken und Thrillern sehr erfolgreich – sowohl als Selfpublisherin als auch als Verlagsautorin. Ich kann Dir ihre Romane absolut empfehlen.

4. Ich lade zum Interview

Eine weitere Methode, die ich immer dann anwende, wenn ich bei meinen Figuren das Gefühl habe, ich kenne sie noch nicht ausreichend, ist das Figureninterview. Genau wie eine reale Person lade ich meine Figur zum Gespräch und stelle ihr Fragen. In meiner Vorstellung sitzt sie mir direkt gegenüber und steht mir Rede und Antwort, statt von mir durch die Handlung geschubst zu werden. Meistens offenbart sie mir dabei Dinge, an die ich selbst nie im Traum gedacht hätte. 😂

5. Figuren kann man auch aufstellen

Erst neulich habe ich in einem Seminar ein ganz neues Tool kennengelernt, mich einer Romanfigur zu nähern, nämlich das sogenannte literarische Figurenstellen. Diese Methode habe ich zwar noch nicht selbst angewandt, aber für mein nächstes Projekt steht sie fest auf der Tagesordnung.

Falls Dich das Thema interessiert, erfährst du mehr in diesem Blogbeitrag, den ich Dir hier verlinke.

Jetzt kenne ich meine Figuren

Am Ende dieser fünf Schritte stehen Figuren, die ich als Autorin so gut kenne wie meine beste Freundin. Vielleicht sogar noch besser, weil diese mir unter Garantie nicht alles anvertraut 😉, während meine Figuren das durchaus tun – wenn ich sie frage.

Warum so viel Mühe?

Du wunderst Dich, warum ich mich derart intensiv mit den Romanfiguren beschäftige? Am Anfang habe ich es schon erwähnt: Die Figuren müssen überzeugen. Sie transportieren die Idee des Romans, in meinem Fall zusätzlich die Botschaft, die mir am Herzen liegt, und natürlich die komplette Handlung. Die Figuren müssen lebensecht wirken, ohne es letztlich zu sein. Würden wir eine Person aus unserem Umfeld eins zu eins auf Papier bannen, würden die Leser einschlafen. »Normal« kennen wir alle; das ist langweilig. Im Roman erwartet der Leser bzw. die Leserin etwas Besonderes, Einmaliges: eine vielschichtige Figur, die differenziert gestaltet ist und quasi im Sonnenlicht schillert. Die Kunst des Figurengestaltens besteht also darin, eine Figur zu entwerfen, die so geschickt konstruiert ist, dass sie normal zu sein scheint und zugleich durch ihre Vielschichtigkeit fasziniert.

Rosen auf einem aufgeschlagenen Buch | Foto: pixabay.com
Foto: pixabay.com

Der Leser bzw. die Leserin soll ihre Zeit leidenschaftlich gern mit dem Roman verbringen. Das eigene Leben soll in den Hintergrund treten und Platz machen für die Figuren des Autors. Da darf ich mir als Autorin schon ein bisschen Mühe geben, finde ich. 😃

Der Gegenspieler als Herausforderung

Ganz besonders intensiv beschäftige ich mich heutzutage mit dem Gegenspieler. Zu Beginn meiner Autorenlaufbahn habe ich den Fehler begangen, ihn einfach nur negativ darzustellen. Der Antagonist war der Böse im Roman – fertig. Die Watschen meiner Leser und Leserinnen spüre ich heute noch. 😜 Und sie hatten recht! Die entstandene Figur war platt und völlig unrealistisch.

Ein Antagonist hat genauso seine guten Seiten, seine Stärken und Schwächen etc. wie jede andere Figur des Romans auch. Der Leser bzw. die Leserin muss ihn nicht lieben. Er bzw. sie muss mir nur abnehmen, warum die Figur genauso und nicht anders handeln konnte. Das »Böse« muss verständlich und nachvollziehbar sein.

Gute Figuren brauchen Zeit

Wenn ich all diese Schritte zurücklege, dauert der Prozess des Figurenentwickelns ungefähr zwei bis drei Wochen, wobei vieles parallel zu anderen Projekten abläuft.

Manchmal greife ich auf Figuren zurück, die bereits in Vorgängerbänden aufgetreten sind, sodass ich die dortigen Informationen nur noch verfeinern muss. Andere Figuren sind komplett neu, geistern aber bereits in meinem Kopf umher, während ich noch ein weiteres Buch abschließe. Gerade in der Überarbeitungsphase bin ich nicht mehr im Kreativmodus, sondern im rationalen »Kritik«-Modus, sodass meine Fantasie sich gerne anderweitig beschäftigt und Neues ausspinnt.

Manche Aspekte entwickeln sich erst während des Schreibens. Sie übernehme ich dann in das Charakterblatt einer jeden Figur in Scrivener, sodass ich alle Informationen an einer Stelle gesammelt habe und sie jederzeit in neue Projekte übertragen kann.

Hast Du noch Fragen?

Hättest Du gedacht, dass Figuren so viel Aufmerksamkeit von mir erhalten – und auch verlangen, um Dich als Leser bzw. Leserin zu überzeugen? Falls Dir noch Aspekte unklar geblieben sind, dann schreib mir einfach einen Kommentar unter den Beitrag. Ich antworte Dir gerne.

Die nächsten Teile der Beitragsreihe erscheinen jeweils exklusiv am Monatsende im Newsletter und zur Mitte des Folgemonats hier auf dem Blog.

  1. Ausbildung zum Autor
  2. Ideenentwicklung
  3. Figurenentwicklung
  4. Handlungsentwicklung/Plotten
  5. Dramaturgie
  6. Recherche
  7. Rohmanuskript vs. Überarbeitung
  8. Rezensenten-Team
  9. Netzwerken
  10. Marketing

Du hast weitere Vorschläge oder Wünsche? Dann schreib sie mir gern in den Kommentarbereich. Genauso Deine Meinung zum Thema.

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