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Literarisches Figurenstellen – Humbug oder wichtiges Autorentool?

Drei Personen agieren am Strand miteinander | Foto: pixabay.com
Personen agieren miteinander | Foto: pixabay.com

Figuren gehören für mich zu den spannendsten und attraktivsten Elementen eines Romans. Wenn eine Figur gut entwickelt ist, mich berührt, vielleicht sogar eine Botschaft für mich hat, verzeihe ich einem Buch manch andere handwerkliche Fehler, etwa mangelnde Rechtschreibung oder Zeichensetzung. Auch in meinen Werken lege ich sehr großen Wert auf ein konsequentes Ausgestalten der Figuren. Meine bisherige Methodenkiste, auf die ich im nächsten Blogbeitrag der Reihe »Blick in die Werkstatt« genauer eingehen werde, habe ich nun am vergangenen Wochenende um ein weiteres Tool ergänzt: das literarische Figurenstellen.

Kennengelernt habe ich dies in einem Seminar der edition oberkassel Akademie in Düsseldorf unter Leitung der Dozentin Stephanie Fey.

Ursprung der Methode

Das literarische Figurenstellen basiert auf dem Konzept der Familienaufstellung, wie es zum Beispiel von Bert Hellinger entwickelt wurde. Dabei versucht man, die Strukturen innerhalb eines Familiensystems aus Eltern, Kindern und Großeltern sowie weiter zurückliegenden Ahnen oder weiter verzweigten Verwandten durch Stellvertreter zu beleuchten. Durch Bewegungen im Raum und ganz bestimmte, vom Aufstellungsleiter vorgegebene Lösungssätze wird anschließend versucht, die »gestörte« Ordnung in eine gesunde Struktur überzuführen. Ganz entscheidend für das Gelingen einer solchen Behandlungs- oder Therapieform ist der Aufstellungsleiter. Er lenkt und verantwortet den gesamten Prozess. Er entscheidet, welche Personen im Raum stehen, wie sie sich bewegen und welche Worte sie eventuell sagen. Und was noch viel wichtiger ist: Er entscheidet über das Schlussbild, mit dem der Klient nach Hause entlassen wird.

Ich selbst habe schon an zahlreichen Familienaufstellungen teilgenommen und habe die Wirksamkeit der Methode am eigenen Leib erlebt. Genau aus diesem Grund wollte ich unbedingt das daraus abgeleitete »literarische Figurenstellen« kennenlernen.

Eine grobe Erklärung zur Familienaufstellung findest Du hier bei Wikipedia.

Was geschieht bei der literarischen Version?

Beim literarischen Figurenstellen macht man sich die energetischen Strukturen zwischen den Figuren, zum Autor und zum Plot genauso zunutze wie bei der Familienaufstellung. Auch hier geht man, so Seminarleiterin Stephanie Fey, mit einer gezielten Frage an die Aufstellung, anhand derer der Autor dann die Stellvertreter für die benötigten Figuren aussucht. Allerdings – und hier beginnen die Unterschiede zur Familienaufstellung – suchen sich die Stellvertreter im literarischen Figurenstellen selbst ihren Platz im Raum. Sie agieren unabhängig vom Autor und von der Aufstellungsleiterin, sind also deutlich autarker als Stellvertreter bei einer Familienaufstellung.

Sie haben auch – in der von Stephanie Fey vorgestellten Version – die Möglichkeit, dem Autor Fragen zu beantworten und ihm so Hinweise auf Plottbrüche, weiße Flächen in der Handlung oder unsaubere Planung zu geben. Damit hilft das literarische Figurenstellen ganz konkret, wenn der Autor mal nicht den nächsten Schritt weiß oder an irgendeiner Stelle feststeckt. Der Plot und die Figur(en) wissen, wie es weitergeht, denn im Unterbewusstsein des Autors ist die komplette Handlung bereits vorhanden. Sie hat sich nur noch nicht vollständig gezeigt – oder ist aus einem anderen Grund ein Stück weit verborgen.

Soweit die Theorie, wie sie Stephanie Fey im Seminar vermittelt hat.

Ab in die Praxis

In der praktischen Umsetzung, die wir zwei Tage lang geübt haben, ist es im Seminar gelungen, dass zum Beispiel noch komplett vage Plottideen eine erste Struktur erhielten und der jeweilige Autor erkannte, an welcher Stelle er in die Handlung einsteigen sollte. Oder eine andere Autorin hatte eine Figur in einem relativ umfangreichen Figurenensemble, die ihr noch nicht plastisch genug erschien. Nach der Aufstellung sah sie die Figur klarer, und die Verstrickung zu den anderen Personen war deutlich zu erkennen. Die Methode hat also tatsächlich geholfen, den nächsten Schritt zu zeigen und damit die Geschichte (wieder) ins Fließen zu bringen.

Im literarischen Figurenstellen werden die Energien des Plots durch Stellvertreter sichtbar. [click&tweet]

Und jetzt kommt meine Meinung dazu ...

Ich persönlich hatte den Eindruck, dass es beim literarischen Figurenstellen – nicht anders als bei der Familienaufstellung – hilfreich ist, wenn die Stellvertreter aus ihrem Gefühl und ihrer Intuition heraus agieren. Auch andere Seminarteilnehmer spiegelten mir, dass es dem Autor deutlich mehr hilft, wenn sich der Darsteller einer Figur wirklich in die im Raum vorhandene Energie fallen lässt und darauf verzichtet, seine eigene Kreativität in die Antworten in Gestalt von Handlungs- und Lösungsvorschlägen einfließen zu lassen. Ich empfand es als sinnvoller, durch eher vage, kryptische Ausführungen das Unterbewusstsein des Autors anzuregen, die ureigene, im Plott verborgene Lösung aufzuspüren.

Aus diesem Grund halte ich es für wichtig, als aufgestellte Figur den Verstand und die eigenen Ideen möglichst außen vor zu lassen, um dem Kollegen die Chance zu schenken, den eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Das hat mir geholfen

Als ich als Stellvertreter in anderen Romanen platziert war, haben mir folgende Fragen geholfen, mich voll und ganz auf mein Gefühl zu konzentrieren:

  • Wo will sich die Figur im Raum platzieren? Wo fühlt es sich richtig an?
  • Was spüre ich gerade an genau dieser Stelle? Welche Gefühle stecken hinter den körperlichen Empfindungen?
  • Tauchen Worte als Impuls auf? Oder vielleicht auf die Frage des Autors? Dann aber bitte nur dieses eine Wort sagen – und nicht einen »Roman« drumherum erfinden.
  • Gibt es einen Bewegungsimpuls?
  • Was passiert mit mir, wenn weitere Figuren erscheinen? Welche körperliche Empfindungen habe ich? Welche Gefühle tauchen auf? Welche Impulse oder Worte?

Dann konnte ich Antworten geben, die möglichst wenig mit mir zu tun hatten, sondern so viel wie möglich aus der Figur heraus kamen. Und die waren teilweise verblüffend, weil sie hundertprozentig mit dem übereinstimmten, was sich der Autor überlegt hatte – er uns aber erst hinterher sagte.

Playmobilfiguren in einer fiktiven Aufstellung | Foto: Kari Lessír
Playmobilfiguren in einer fiktiven Aufstellung | Foto: Kari Lessír

In dieser Form ist das literarische Figurenstellen ein wirklich effektives Werkzeug, das ich persönlich definitiv in meine Methodenkiste mit aufnehmen werde. Man kann es mit realen Personen machen, aber auch mit Playmobil- oder anderen Figuren bzw. Gegenständen, die die Figuren des Romans darstellen. In einer Testversion haben wir mit einem Apfel, einer Mandarine und einer Zahnpastatube gearbeitet – und es hat funktioniert!

Habe ich Dein Interesse geweckt?

Dann schau doch mal auf der Website der Seminarleiterin Stephanie Fey vorbei, die das Seminar sehr souverän und professionell geleitet hat, und auf die Homepage des Seminarveranstalters edition oberkassel Akademie. Wenn Du Deine Figuren gern genauer kennenlernen möchtest und Zugang zu Deinen Gefühlen hast, kann ich Dir die Teilnahme empfehlen. Und, nein, ich erhalte keine Provision für die »Werbung«. 😉 Ich betrachte den Blogartikel eher als Feedback und – vielleicht – Anregung für Dich.

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