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[Gastartikel] Was tun, wenn ich andere (zu) intensiv spüre?

Abwehrende Geste zum Schriftzug »Ich kann nicht mehr!« | Foto: © avemario/Shutterstock.com
Foto: © avemario/shutterstock.com

Der Mensch ist ja zu einem Kaleidoskop an Gefühlen in der Lage. Ich behaupte, dass er einen beträchtlichen Teil davon selbst meist nicht versteht. Oder wenn, dann nur mit viel Einsatz und Grübelei. Die Worte sind dafür schnell zu klein, aber spüren kann man diesen Gefühlssalat von innen allemal. Allerdings kann auch von außen das Potpourri an Emotionen für bestimmte Menschen sichtbar und vor allem fühlbar sein. Menschen, deren Nervensystem der Welt Tür und Tor öffnet und Informationen tiefer und länger verarbeitet, sind zwar meist gute und geschätzte Zuhörer, aber diese Wertschätzung ist oft nur im Austausch gegen Verausgabung zu haben. Häufig wird die nicht als solche erkannt.

Die Rede ist von hochsensiblen Menschen.

Diese hochsensiblen oder hochsensitiven Menschen, ob sie sich dieses »Temperaments« nun bewusst sind oder nicht, werden manchmal unter den Emotionen ihrer Mitmenschen regelrecht begraben, als schwappte eine Welle über ihnen zusammen. Leid, Kummer, Schmerzen, Wut, Trauer, Freude - und jede Farbnuance dazwischen schwingt in ihnen mit. Die Nervenzellen mit dem Namen Spiegelneuronen, die aus uns empathische und damit für die Umwelt nützliche Wesen machen sollen, scheinen aus allen Rohren zu feuern, als gäb's kein Morgen mehr. Genau das sollen sie natürlich auch, denn sie aktivieren in uns das Gefühl, das bei der Tätigkeit unseres Gegenüber entsteht. Wenn jemand hinfällt, helfen wir auf, weil wir wissen, dass es wehtut. Total sinnvoll im Grunde.

Die Seele entwirren, nicht nur die Haare

Irgendwann aber sind wir voll. Man spürt dieses fremde Gewicht auf der Seele und kann sich den Schleier gar nicht mehr runterreißen. Und so etwas wie »Jetzt nimm dir doch nicht immer alles/den Kummer/die Angelegenheiten so zu Herzen« hilft da auch nicht viel.
Fakt ist, diese Gabe - und ja, ich bin so frei, sie als eine solche zu bezeichnen, kommt aus uns und so sind wir auch die einzigen, die hier helfen können.
Jeder besitzt einen Kamm oder eine Bürste, und bei den meisten Menschen kann man davon ausgehen, dass sie sich wenigstens einmal am Tag die Haare kämmen. Abgestorbene Hautzellen, Staub, Schmutz und vielleicht sogar Kleinstgetier wird mit sorgsamen Strichen rausgeholt. Für unsere Seele machen wir uns diese Mühe meist nicht. Ja, mehr noch: Je empfindsamer der Mensch ist, desto stärker trifft die Umwelt auf ihn und desto mehr bleibt hängen. Und interessanterweise schützen oder reinigen sich eben diese Menschen viel weniger als Normalsensitive mit einem gesunden Selbstschutz.
Was also tun, um unser emotionales Ökosystem nicht zu überlasten oder zumindest zwischendurch mal Ordnung zu schaffen?

Die oft unterschätzte Selbsthilfe stärkt von innen

Es gibt hier kurz-, mittel- und langfristige Möglichkeiten, sich zu schützen und zu stärken. Kurzfristige Möglichkeiten, wenn wir konkret in einer belastenden Situation sind, bestehen bsw. darin, Abstand zu schaffen. Territorial und emotional - und zwar so schnell und so sanft wie möglich, wenn uns eine Situation überfordert. In den meisten Momenten geht das viel einfacher als man denkt.
Man kann sich kurz auf Toilette entschuldigen. Oder aus der Bahn aussteigen und ein Stück laufen. Mal in die Küche gehen. Dort einen Moment für sich suchen, bewusst atmen. Ein Mantra der Beruhigung sprechen. Sich die innere Mitte vorstellen, an der ein inneres Pendel einen in die stabile Senkrechte zieht und wieder aufrichtet. Ja, das klingt nach Hokuspokus, aber unsere Psyche ist weder eine Schalttafel, noch eine Erfindung von Spinnern, die nicht mit beiden Beinen im Leben stehen.
Es tut niemandem weh, wenn man sich selbst diese Möglichkeiten gibt und es versucht. Je nach Typ können visuelle starke Bilder wie das eben beschriebene helfen. Wir befördern mit unserem Atem den Gedankennebel, die Sorgen, die uns durchströmen, aus uns heraus. Und ziehen durch die Nase klare, unverbrauchte Luft in uns hinein. Mit bewussten Gedanken können wir unseren Geist freifiltern von dem Bodensatz fremder Gefühle.

Mit niemandem verbringen wir mehr Zeit als mit uns selbst. Also seien wir achtsam mit uns. [click&tweet]

Acht-ung fürs Innere

Eine mittelfristige Idee, sich von emotionalem Stress abzugrenzen, kann sein, einen Selbstschutz zu visualisieren. Dieses Stellverteter-Bild lässt sich gut abrufen, wenn uns jemand unter seiner Wut oder seinem Kummer begräbt. Man stellt sich die Begegnung mit Menschen und die Verbindung zur Welt wie eine auf der Seite liegende Acht vor. Zwei Kreise, die zueinander hingezogen sind und miteinander verschmelzen. Irgendwo in der Mitte entsteht der Kontakt, aber nur an einer ganz kleinen Stelle. Wenn ich der eine Kreis bin und mein Gegenüber der andere Kreis, dann bin ich mit ihm verbunden, aber nicht vollkommen durch ihn vereinnahmt. Es gibt einen gewissen Abstand, aber doch eine Verbindung. Ich definiere einen Schutzraum für mich. Und sollte es einmal zu viel werden, kann ich in Gedanken meinen Kreis größer machen und den anderen Kreis schrumpfen lassen. So ist es immer noch eine Acht und ich bleibe immer verbunden, aber mein Raum wrd größer. Ich kann Luft hineinatmen, mich bewegen. Der Raum der anderen wird nur im Verhältnis kleiner. Man sperrt sie nicht aus, aber man macht sich selbst stärker.

Bodenhaftung trainieren

Langfristig können und sollten wir eine Investition in unsere eigene Stabilität machen. Ähnlich dem, wenn man einen Muskel trainiert, lässt sich innere Ausgeglichenheit und Stärke unterstützen.
Was hier hilft, ist so individuell wie der Mensch. Wichtig ist, dass es zu uns passt. Was das ist, sollte man mit der Zeit über sich selbst herausfinden. Hier darf man sich aus dem eigenen inneren Reichtum bedienen, den man oft ungenutzt liegen lässt. Empfindsame Menschen haben häufig ein intensives Verhältnis zu Kunst, Kultur und Musik oder generell zu übergeordneten Konzepten. Man sollte nach dem suchen, was einen völlig gefangen nimmt und „wegschnippst“, was einem Bodenhaftung und innere Ruhe gibt. Bei mir ist das die Begeisterung für Musik und Literatur. Und Bewegung.

Es ist normal, besonders zu sein

Was aber vermutlich noch am allermeisten ent-stresst, ist die Erkenntnis und das Bewusstsein sich selbst gegenüber, dass diese Wesensart, auf andere und ihre Befindlichkeiten zu reagieren, so zu uns gehört wie unsere Augenfarbe und unser Hautton. Wir sind von Natur aus so und das ist vollkommen in Ordnung. Wenn wir nicht versuchen, aus uns etwas zu machen, was wir nicht sind, und uns Schutzraum und Erholung zugestehen, was immer das für den Einzelnen bedeutet, dann kommen wir mit der Verbindung zwischen uns und der Welt besser klar. Und dieser profane, aber starke Gedanke sei zuletzt noch gesagt: Mit niemanden verbringen wir mehr Zeit auf dieser Welt als mit uns selbst. Also seien wir uns selbst ein guter Begleiter und genießen wir unsere Besonderheiten!

Über Gastautorin Ellen Skye

Nach dem Dolmetschstudium in Berlin konnte sich Ellen dem widmen, was sie schon mit 16 wollte, aber wofür ihre Eltern zu vernünftig waren: Schreiben. In ihrem ersten Roman »Ones & Zeros - Aurora« ist die Hochsensitivität eine heiß begehrte Ware inmitten einer hochtechnisierten Welt mit künstlicher Intelligenz. Bei ihr zuhause wohnen außer ihr allerdings klassischere »Dinge« - ein Mann, ein Pinguin und eine Geige - und natürlich eine Menge Bücher.

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Kommentare: 4
  • #1

    Farbenfreundin (Dienstag, 31 Mai 2016 09:27)

    Das kenne ich auch sehr gut und ich habe inzwischen Möglichkeiten gefunden, die mich wieder zu mir bringen: Natur, Gartenarbeit und Sport. Doch nicht immer klappt das so gut, naja... aber immer besser!

  • #2

    Kari (Dienstag, 31 Mai 2016 09:36)

    Genau richtig, liebe Farbenfreundin. Diese drei Punkte erden und beruhigen dadurch überreizte Nerven. Ich selbst nutze sie auch, so oft wie möglich. Auch wenn man den Alltag dafür immer wieder austricksen muss

  • #3

    ocelot (Dienstag, 07 Juni 2016 11:49)

    Einfach ein hobby finden

  • #4

    Kari (Dienstag, 07 Juni 2016 12:42)

    Hallo ocelot, ein Hobby hilft auch viel, um sich zu beruhigen und auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu besinnen. Danke für den Tipp.