· 

[Überarbeiten #3] Gib deinen Text in fremde Hände

Zerknülltes Papier auf einem Block mit Kuli
Foto: pixabay.com

Du hast seit Monaten, wenn nicht seit Jahren an einem Buchmanuskript gefeilt. Du hast es ruhen lassen und anschließend noch einmal überarbeitet, wie ich es dir in den beiden vorangegangenen Blogbeiträgen der Überarbeiten-Reihe empfohlen habe (»Ran an den Text, aber richtig« und »Feinschliff für Autoren«). Jetzt wird es Zeit, nach außen zu gehen.

Oh, nein! Ich meine damit nicht, dass du dein Buch bereits jetzt der breiten Öffentlichkeit präsentierst, indem du es als E-Book hochlädst. Bis dahin braucht es noch ein wenig. Jetzt gibst du den Text erst einmal in berufene Hände, die mit der nötigen Distanz und Unvoreingenommenheit an ihn herangehen. Damit meine ich keineswegs deinen Partner oder deine Partnerin, auch nicht deine beste Freundin oder deine Eltern und Geschwister. Sie alle bewundern dich für dein Durchhaltevermögen, deine Fantasie und vieles mehr. Sie würden dein Werk in jedem Fall toll finden. Das hilft dir an dieser Stelle nicht weiter.

Du brauchst jetzt kritische Leser mit Abstand, d.h. Testleser, einen_e Lektor_in und anschließend einen_e Korrektor_in. Im Folgenden gehe ich auf alle Instanzen ein:

Testleser

Testleser sind eine wirklich feine Sache. Es sind Menschen wie du und ich, die gerne lesen und ein gutes Sprachgefühl haben, sodass sie dich auf Logikbrüche, Ungereimtheiten und unrunde Formulierungen hinweisen. Vielleicht fallen dem einen oder anderen auch schon Rechtschreibfehler auf, aber darum geht es in dieser Phase der Manuskriptüberarbeitung noch nicht. Du präsentierst deine Geschichte und holtst dir Feedback ein, ob sie funktioniert.

Wer können Testleser sein?

Testleser können Deutschlehrer deiner (ehemaligen) Schule sein. Oder ein Blogger, der viel liest und dadurch ein gutes Gespür für das Funktionieren einer Geschichte entwickelt hat. Auch in deinem Freundes- und Bekanntenkreis mag es kritische Leser mit einem guten Sprachgefühl geben. Dabei solltest du aber unbedingt darauf achten, dass du der Person erlaubst, dich zu kritisieren. An dieser Stelle der Manuskriptarbeit brauchst du Kritik. Wenn du jetzt nicht auf Schwächen hingewiesen wirst — und sie ausbügelst —, tun das die Leser nach der Veröffentlichung. Und das tut ernsthaft weh.

Wie findest du Testleser?

Du kannst sie über Facebook finden. Es gibt Testlesegruppen, nach denen du suchen kannst. Oder du gründest eine eigene Gruppe, in die du Leser einlädst. Falls du in Autorenvereinigungen, wie z.B. Qindie, das Autorensofa oder das Autorennetzwerk bist, kannst du auch dort nachfragen, ob man sich gegenseitig hilft.

Ansonsten kannst du natürlich in deinem Bekannten- und Freundeskreis fragen, ob jemand jemanden kennt, der viel liest und Lust auf ein unbearbeitetes Manuskript hat. Manche Leser finden es spannend und freuen sich, wenn sie einem_r Autor_in auf dem Weg zur Veröffentlichung helfen können.

Wie gibst du dein Manuskript in fremde Hände?

Spiralbindung eines Collegeblocks
Foto: pixabay.com

Hier rate ich dir zu ein wenig Vorsicht. Also bitte keine offenen Word-Dateien oder PDF-Dokumente weitergeben. So was ist heutzutage schnell mal irgendwo im Netz hochgeladen und unter eigenem Namen veröffentlicht. Außerdem kann man wirklich sinnvoll nur auf Papier korrigieren und arbeiten. Nein, ich bin nicht altmodisch, sondern kenne das aus meiner 20-jährigen Verlagspraxis. Am Bildschirm verblassen viele Fehler auf wundersame Weise; da kann man noch so aufmerksam lesen. Und statt deine Testleser mit dem Ausdrucken von mehreren hundert DIN A4-Seiten zu belasten, empfehle ich dir, ihnen gleich ein doppelseitig gedrucktes und gebundenes Manuskript zu geben. Mit 2-zeiligem Zeilenabstand und 12 Punkt-Schrift, sodass deine Testleser komfortabel lesen können und genügend Platz für Anmerkungen haben.

Was machst du danach?

Im Idealfall erhältst du das gebundene Manuskript mit vielen Anmerkungen zurück, die dir zeigen, wo etwas unverständlich war, gefehlt hat, zu breit ausgeführt oder überflüssig war. Nimm diese Hinweise ernst! Sie sind Gold wert. Wenn du mehrere Testleser hast, kannst du das Feedback sammeln — und dich dann ein weiteres Mal an dein Manuskript setzen und die Punkte einbauen. Vertraue auf das Gefühl deiner Testleser. Sie kennen das Manuskript nicht so gut wie du, der du schon monate- und jahrelang daran gearbeitet hast und alle Handlungsschritte kennst, auch die, die vielleicht nur in deinem Kopf existieren.

Lektorat

Anschließend oder alternativ — das hängt von deinen Zeit- und Geldressourcen ab — gibst du dein Manuskript ins Lektorat. Ein_e Lektor_in ist jemand, dessen Beruf es ist, Texte anderer Leute zu zerpflücken und zu einem lesbaren Ganzen neu zusammenzusetzen. Im schlimmsten Fall kann das Lektorat zum grundlegenden Umbauen führen, aber oft reicht ein Feinschliff, wenn Inhalt und Sprache noch nicht rund genug sind.

Was kostet dich ein Lektor?

Lektoren, die für Selfpublisher in Frage kommen, sind in der Regel freiberuflich tätig und haben jeweils individuelle Preisvorstellungen. Meist findet man auf ihren Websiten Von-bis-Preise, die sich daran orientieren, wie aufwändig die zu erwartende Textarbeit ausfallen wird. Meist beginnen sie bei 3 EUR pro Normseite und können bis in den zweistelligen Bereich gehen. Wenn du ein Manuskript von mehreren hundert Seiten hast, kann das also ganz schön ins Geld gehen. Deswegen ist es wichtig, dass du im Vorhinein schon so gut wie möglich den Text in Form gebracht hast.

Wie findest du einen Lektor?

Der erste Weg führt sicher über die Googlerecherche. Klar. Damit weißt du aber noch nicht, ob jemand gut oder schlecht arbeitet und — was noch viel wichtiger ist — zu dir und deinem Text passt. Du solltest dir in jedem Fall Referenzen auf den jeweiligen Websiten ansehen und in die angegebenen Bücher über Leseproben in den diversen Online-Buchshops reinlesen.

Außerdem kannst du Lektoren ansprechen, die im Impressum von Indie-Büchern genannt sind, die dir gut gefallen haben. Oder du fragst andere Selfpublisher nach ihren Erfahrungen und Empfehlungen.

Es gibt den Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL), die eine Datenbank ihrer Mitglieder haben. Auch Qindie empfiehlt Lektoren, mit denen Mitglieder bereits erfolgreich zusammengearbeitet haben.

Bevor du dein Buch veröffentlichst, lass es kritisch gegenlesen. Hol dir Feedback und nimm es an. [click&tweet]

Wie kommt es zur Zusammenarbeit?

Vor der Zusammenarbeit steht immer erst mal die Kontaktaufnahme durch dich und ein Probelektorat. Jeder Lektor möchte wissen, was auf ihn zukommt, damit er dir ein für beide Seiten faires Angebot unterbreiten kann. Darauf solltest du immer eingehen. Du musst mit dem Menschen harmonieren, der an deinem Text feilt. Und der Lektor muss mit dem Text zurechtkommen. Es nutzt dir nichts, wenn der Lektor keinen Zugang zu Erotik hat, weil er sich auf Krimis und Thriller spezialisiert hat, er aber nur 2,50 € pro Seite nähme. Da werdet ihr beide nicht glücklich werden.

Bei der Wahl des Lektors hilft letztlich nur schonungslose Ehrlichkeit:

  • Passt der Mensch zu dir?
  • Passt das Manuskript inhaltlich ins Portfolio des Lektors?
  • Kannst du dir das Lektorat finanziell leisten?
  • Stimmt das freie Zeitfenster des Lektors für dich?

Und nach dem Lektorat?

Erwarte nicht, dass das Manuskript druckreif ist, wenn es aus dem Lektorat zurückkommt. Wenn du ein Worddokument hingeschickt hast, was die Regel ist — unabhängig davon, in welchem Schreibprogramm du gearbeitet hast —, kommt das mit reichlich Anmerkungen und Überarbeitungsvorschlägen zurück. Es liegt an dir, alle Kommentare und Änderungen durchzugehen und zu entscheiden, ob du sie annimmst — oder verwirfst. Dafür solltest du auch noch mal Zeit einplanen, denn auch dieser Arbeitsschritt geht nicht von heute auf morgen.

Bist du jetzt endlich fertig mit der Textarbeit?

Prima, dein Manuskript war bei Testlesern und/oder im Lektorat. Inhalt und Sprache stehen also. Aber die Rechtschreibung und Zeichensetzung hat sich bislang noch niemand angesehen. Das ist nun der nächste Schritt.

Du brauchst einen Korrektor

Och, nee, wozu das denn? Testleser und Lektor haben danach geschaut, ob die Geschichte flüssig erzählt ist. Anschließend hast du die Korrekturen ausgeführt, und jetzt muss eben eine weitere unbeteiligte Person den Text daraufhin überprüfen, ob die Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung stimmen. Im Idealfall kennt sie das Manuskript noch nicht. Oder dein Lektor (oder einer deiner Testleser) kann sich so weit vom Inhalt distanzieren, dass er auch Korrektur lesen kann.

Solltest du auf Testleser und Lektor_in verzichten, solltest du deinem Manuskript mindestens einen Korrekturlauf gönnen. Ohne eine Kontrollinstanz kann man heute als ernsthafter Selfpublisher keinen Text mehr veröffentlichen; dafür ist die Konkurrenz zu groß. Die Leser erwarten einfach professionelle Qualität, auch wenn du als Selfpublisher nur 3 oder 4 € für dein E-Book verlangst.

Zumindest ein Korrektor sollte vor der Veröffentlichung aufs Manuskript gesehen haben.[click&tweet]

Wie findest du einen Korrektor?

Im Grunde auf dem gleichen Weg wie den Lektor. Wie gesagt, oft übernimmt der Lektor auch das Korrekturlesen, allerdings dann zu einem günstigeren Honorar. Manchmal sind es auch hier Seitenpreise, die bei 1,00 € beginnen. Oder der Korrektor bietet dir ein Pauschalhonorar an. Das ist Verhandlungssache.

Für die Auswahl gilt das gleiche wie für den Lektor: Schau dir die Referenzen an, ob die fehlerfrei sind, und vereinbare ein Probekorrektorat. Oder lass dir jemanden von einem Autorenkollegen empfehlen.

Was kommt danach?

Nach Testlesern, Lektorat und Korrektorat ist der Text rund. Jetzt braucht er noch ein ansprechendes Kleidchen, sprich ein Cover, und du darfst dir überlegen, in welcher Form und über welchen Dienstleister du veröffentlichen willst. Dazu mehr im nächsten Blogbeitrag.

Weitere Teile der Reihe:

Teil 1: Grundsätzliches zum Überarbeiten und erste Schritte (Figurencheck, Szenen-TÜV & Exposé)

Teil 2: Feinschliff an Sprache und Inhalt

Teil 3: Testleser, Lektorat & Korrektorat

Teil 4: Cover und Buchsatz

Weitere Teile ergänze ich bei Bedarf.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Petra Weise (Freitag, 09 Oktober 2015 14:17)

    puh! - Da habe ich wohl nicht allzu viel richtig gemacht. Kostenfreies Testlesen fand ich bisher immer etwas frech, da man meiner Meinung nach jeden Service honorieren sollte - vor allem so einen wichtigen. Und ein professioneller Lektor ist mir einfach zu fremd und zu teuer. Aber trotzdem (oder gerade DESHALB) nehme ich mir diese Tipps zu Herzen und bei meinem aktuellen Buch ganz sicher einige davon berücksichtigen. Vielen Dank.

  • #2

    Kari Lessír (Freitag, 09 Oktober 2015 16:35)

    Liebe Petra,

    Danke für deinen Kommentar. Mit meinen Blogbeiträgen zum Themenkomplex »Überarbeiten« ging es mir nicht um »richtig« oder »falsch«. Man kann es so machen, wie ich es hier ausführe, aber natürlich kannst du es auch anders handhaben. Wichtig ist mir nur, in den Köpfen von Indie-Autoren das Verständnis dafür zu wecken, dass ein Manuskript, das man eben gerade heruntergeschrieben hat, definitiv nicht druckreif ist. Dass man es zuerst selbst überarbeiten sollte - dafür gibt es bestimmte Regeln - und dass man es anschließend noch mal in fremde Hände geben sollte. Ich selbst hatte jahrelang eine Testleserin, die Gold wert war. Mit Geld habe ich sie nie bezahlt, eher in »Naturalien«, sprich, mal eine Einladung zum Essen, ein gemeinsames Wochenende, immer wieder ein offenes Ohr, wenn sie Probleme hatte. So was in der Art. Seitdem sie mir nicht mehr zur Verfügung steht, greife ich auf Lektoren zurück. Woran ich persönlich sehe, wie wertvoll so eine Testleserin doch letztlich ist. Und sie war ihren Preis absolut wert!
    Ich bin mir sicher, dass du den richtigen Weg finden und gehen wirst.

    Liebe Grüße,
    Kari