[Überarbeiten #2] Feinschliff für Autoren

Alte Schreibmaschine
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Ich freue mich, dass Du auf meinem Blog zur Roman-Überarbeiten-Reihe gefunden hast. In Teil 1 ging es um die ersten Schritte, nachdem Du ein Manuskript fertiggestellt hast. Dort habe ich den Figurencheck, den Szenen-TÜV und das Exposé vorgestellt. Falls Du den Teil noch nicht gelesen hast, kannst Du das jederzeit (über diesen Link) nachholen. Im zweiten Teil der Reihe stelle ich Dir nun den Feinschliff vor, nämlich die Arbeit an Sprache und Inhalt Deines Textes. In erster Linie zeige ich Dir dabei meine Vorgehensweise, die ich in den letzten zwölf Jahren meiner Autorentätigkeit entwickelt habe.

Hilfreiche Anregungen zu diesem Aspekt des Schreibens findest Du auch in diesen Autorenratgebern:

  1. Sol Stein: Über das Schreiben.
  2. Sylvia Englert: So lektorieren Sie Ihre Texte. Verbessern durch Überarbeiten.
  3. Alexander Steele: Romane und Kurzgeschichten schreiben.

Wechsle mal die Sichtweise

Weiter geht es nun mit der inhaltlichen und sprachlichen Bearbeitung Deines Manuskripts. Durchgelesen hast Du Dir den Text bereits vor dem Szenen-TÜV, sodass Du darauf an dieser Stelle verzichten kannst. Falls Du aber unsicher sein solltest, zögere nicht, das Manuskript noch einmal zu lesen, entweder auf Papier — dort kann man sich besser Notizen machen — oder auf einem E-Book-Reader. Beide Möglichkeiten haben den Vorteil, dass das Schriftbild anders aussieht als auf dem Bildschirm, sodass Dir Ungenauigkeiten, Fehler oder logische Brüche deutlich schneller auffallen.

Ich wiederhole es an dieser Stelle noch einmal, weil es einfach so wichtig ist: 

Zum Korrekturlesen MUSST Du den gewohnten PC-Arbeitsplatz verlassen. [click & tweet]

Du brauchst eine andere Perspektive auf den Text.

Fragen an den Text

Ich gehe nun im nächsten Schritt Abschnitt für Abschnitt vor und überprüfe, ob die Szene tatsächlich die Entwicklung vorweist, die ich im Exposé für sie vorgesehen habe. Falls Du noch immer kein Exposé geschrieben hast, dann hole das bitte jetzt unbedingt nach. Selbst wenn Du nicht vorhast, Deinen Roman einem Verlag oder einer Agentur anzubieten, hilft Dir das Exposé, die Dramaturgie der Geschichte zu entwickeln und zu überprüfen. Genaue Hinweise zum Schreiben eines Exposés findest Du in Teil 1 meiner Roman-Überarbeiten-Reihe.

Mit dem Exposé in Sichtweite stelle ich mir nun bei jeder Szene folgende Fragen:

  • Handeln die Figuren so, wie ich es benötige, um an der geplanten Entwicklung der Handlung zu bleiben?
  • Ist das Verhalten der Figuren stimmig? Passt es zu den verfeinerten Personeninformationen, die ich zu Beginn der Überarbeitung formuliert habe? (Siehe Teil 1 meiner Roman-Überarbeiten-Reihe)
  • Stimmen die Dialoge? Sind sie lebendig und aussagekräftig? Oder eher platt bzw. im Gegenteil überfrachtet? Passt die Sprache zum Charakter der Figur?
  • Enthält die Szene alle Informationen, die der Leser benötigt? Fehlt etwas, oder kann ich manches streichen?
  • „Streichen“ ist überhaupt ein wunderbares Stichwort: Rohmanuskripte neigen dazu, alle Hirn- und Herzgespinste eines Autoren zu enthalten. Während des Schreibprozesses ist das okay, aber beim Überarbeiten solltest Du radikal kürzen. Ich selbst werfe in der Regel zwanzig bis dreißig Prozent des Textes raus. Aber bitte nicht endgültig löschen, sondern in einen Kommentar oder eine Extra-Datei stellen. Vielleicht brauchst Du die Infos noch an einer anderen Stelle. Oder für die Fortsetzung oder ein Interview oder ein Prequel — es gibt 1.001 Möglichkeit. ^^
  • Werden alle Sinne angesprochen? Da ich z.B. ein visueller Mensch bin, neige ich dazu, mich auf das Optische zu fokussieren. Aber es gibt noch den Hörsinn, den Tastsinn, den Geruchssinn und den Geschmackssinn. Auch sie wollen durch den Text stimuliert werden, um wirklich alle Leser_innen abzuholen und in die Geschichte zu ziehen.
viele Augen auf kleinen Kärtchen
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Ein Buch, das auf fantastische Weise alle Sinne anspricht, ist „Geheimnisse von Blut und Liebe: Dunkle Jagd 1“ von Elke Aybar. Passenderweise gibt es zum Lesevergnügen das Projekt #Sinnesrausch, d.h. Düfte, Tees, Badezusätze usw. Falls Du also unsicher bist, wie Du vorgehen sollst, schnupper einfach mal in die Geschichte rein.

Hier ist der Link zu Elkes Website.

Behalte das Ganze im Blick

In dieser Form gehe ich alle Szenen der Reihe nach durch. Da ich mit Scrivener arbeite, habe ich den Vorteil, dass ich keine durchgehende Datei vorliegen habe, sondern pro Szene ein Dokument. Dieses steht in einem übergeordneten Ordner, der ein Kapitel bzw. einen großen Sinnabschnitt umfasst. Die Szenendokumente kann ich beliebig innerhalb eines Ordners sowie in einen anderen Ordner verschieben. Das erleichtert das Überarbeiten enorm.

Weswegen ich dies erwähne: Ich überprüfe an dieser Stelle auch, ob die Reihenfolge der Szenen stimmt. Vielleicht hast Du mehrere Erzählstränge, die du ineinander verschachteln willst, was die Spannung für den Leser_in erhöht. Sobald Du die ersten ein, zwei Kapitel inhaltlich und sprachlich bearbeitet hast, kannst Du auch diesen Punkt mit einbeziehen:

  • Ist die Reihenfolge der Szenen genau richtig, um den Leser_in an die Hand zu nehmen und mit steigender Spannung bei regelmäßig wiederkehrender Entspannung durch die Geschichte zu führen?
  • Vielleicht magst Du eine andere Reihenfolge testen? Vielleicht das Ende der Szenen etwas verkürzen, um die Spannung noch weiter zu erhöhen? Ich weiß von mir, dass ich am Ende jeder Szene dazu neige, ein nettes, ausführendes Blabla zu formulieren. Meistens fliegt es beim Überarbeiten geradewegs raus.

Der Autor als Chirurg

Im Überarbeitungsmodus gehe ich wie ein Chirurg an meinen Text. Nichts ist mir heilig. Alles wird abgeklopft und — bei Nichtgefallen — gnadenlos gestrichen. Das kann ich Dir wirklich ans Herz legen. Während Du Deinen Text entwirfst, bist Du im Kreativmodus und schreibst ganz aus Deinem Bauch und Deinem Herzen heraus. Du lebst die Gefühle Deiner Figuren und siehst vielleicht ihr Tun auf einer inneren Leinwand. Zum Überarbeiten wiederum benötigst Du Abstand, weshalb ich im ersten Teil meiner Roman-Überarbeiten-Reihe darauf bestanden habe, dass Du den Text möglichst lange aus der Hand legst. Nur so kannst Du jedes Wort, jeden Satz und jede Szene kritisch durchleuchten und gegebenenfalls streichen.

Verlass Dich auf Deine Ohren

Computerarbeitsplatz mit Lautsprecher
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Eine Tipp habe ich noch, den ich bei Autorenkollegin Heike Fröhling gefunden und für mich adaptiert habe: Wenn Du meinst, einen Abschnitt oder eine Szene fertig bearbeitet zu haben, dann lass sie Dir vorlesen. Einen Text zu hören — vor allen Dingen nicht mit der eigenen Stimme — hat eine ganz besondere Wirkung.

 

Deine Ohren lassen sich nicht täuschen. Du hörst sofort, wenn irgendetwas im Satzbau oder der Wortwahl unrund läuft. [click & tweet]

 

Und die relativ monotonen Computerstimmen haben den großen Vorteil, dass Du nicht in Versuchung gerätst, ein Wort durch Betonung oder Sprechpausen besonders hervorzuheben — was du unweigerlich tätest, wenn Du Dir den Text selbst einlesen würdest. Je monotoner der „Vorleser“ spricht, desto erhellender ist es für die Überarbeitung. Zumindest bei mir wirkt das so. Oft reicht es dann, nur einige wenige Worte zu ändern, weil sie im Zusammenhang nicht so klingen, wie ich mir das vorgestellt habe.

Eine solche Vorlesefunktion sollte es auf jedem Rechner geben. Beim Mac weiß ich es, bei PCs vermute ich es. Wenn nicht, findest Du mit Sicherheit nützliche Tools zum Downloaden im Internet. Und wer mit Scrivener arbeitet, hat die Vorlesefunktion bereits an Bord. ^^

Du nutzt andere Wege, Dein Manuskript zu überarbeiten? Schreib mir Deine Erfahrungen und Deine Meinung als Kommentar unter diesen Beitrag. Ich freue mich auf Dein Feedback.

Weitere Teile der Reihe:

Teil 1: Grundsätzliches zum Überarbeiten und erste Schritte (Figurencheck, Szenen-TÜV & Exposé)

Teil 2: Feinschliff an Sprache und Inhalt

Teil 3: Testleser, Lektorat & Korrektorat

Teil 4: Cover und Buchsatz

Weitere Teile ergänze ich bei Bedarf.

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Kommentare: 3
  • #1

    Jan-Tobias Kitzel (Montag, 04 Mai 2015 19:19)

    Schöne Tipps! Welches PC-Programm (Windows) kannst du denn zum Vorlesen des Textes empfehlen?

  • #2

    Kari Lessír (Montag, 04 Mai 2015 20:04)

    Lieber Jan-Tobias,
    Danke für Dein Lob. Ich hoffe, dass Dir meine Anregungen in Deinem Autorenalltag weiterhelfen.
    Du fragst nach einem Vorleseprogramm für den PC. Nun, ich arbeite auf Mac (da ist das integriert), aber ich habe mal gegoogelt.
    Softonic und auch Chip empfehlen den kostenlosen MWS-Reader (http://mws-reader.de.softonic.com/ bzw. http://www.chip.de/downloads/MWS-Reader_13002947.html).
    Außerdem soll Ebooktomp3 eine gute deutsche Stimme haben (http://www.ebooktomp3.de/). Auch dieses Programm ist kostenlos.
    Schätze, du musst das jetzt einfach mal für dich testen.
    Viel Spaß damit und viel Erfolg weiterhin beim Schreiben,
    Kari

  • #3

    Jan-Tobias Kitzel (Dienstag, 05 Mai 2015 10:51)

    Herzlichen Dank für die schnelle Antwort!