[Überarbeiten #1] Ran an den Text, aber richtig!

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Wer als Autor ein Buch schreibt, kennt das: Während des Schreibens ist man manchmal wie in einem Rauschzustand, lebt in seiner Geschichte und schreibt sie mitunter wie im Wahn nieder. Auf alle Fälle ist man als Autor sehr eng mit seiner Geschichte verbunden, kennt sie in- und auswendig und meint, das weltbeste Buch geschrieben zu haben.

Für den Schreibprozess ist dieses Gefühl genau richtig. Also bitte nicht abgewöhnen! Ich selbst finde es schön, in meiner Geschichte zu schwelgen und mit den Figuren zu leiden oder mich mit ihnen zu freuen. Je nachdem in welche Richtung es für sie — und damit auch mich — geht. ^^

Ein Manuskript ist wie ein Rohdiamant, der einen Feinschliff benötigt - vom Autor selbst. [click & tweet]

Dann kommt der Tag, an dem das Manuskript fertig ist. Die Rohfassung wohlgemerkt. Wie der Name schon sagt, gleicht der Text in dieser Phase eher einem Rohbau oder einem Rohdiamanten. Niemandem würde es einfallen, in einen Rohbau einzuziehen oder sich einen Rohdiamanten um den Hals zu hängen. Genauso ist es mit dem Rohmanuskript eines Autors: Es bedarf eines Feinschliffs, und zwar zuerst vom Autor selbst. Jetzt ist NICHT der Moment, auf Facebook (Google+ oder Twitter) die ersten Stellen zu posten oder das Manuskript in zwei Wochen zum Kaufen anzubieten.

Was bedeutet es, ein Manuskript zu überarbeiten?

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Dazu muss ich ein wenig weiter ausholen. Beginnen wir mit den Autorentypen. Grob gesagt kann man drei Typen von Autoren unterscheiden, und zwar je nach ihrer Arbeitsweise:

1. Strukturierte Plotter nehmen sich vor dem eigentlichen Schreibprozess ausreichend Zeit, um die Handlung komplett aufzubauen und zu planen. Dabei werden Figuren, Setting, Story, Dramaturgie etc. so ausführlich wie möglich konzipiert und entwickelt. Leuchtendes Vorbild für alle Autoren diesen Schlags ist Elizabeth George, die diese Arbeitsweise sehr anschaulich in ihrem Buch „Wort für Wort“ darlegt. Das Buch empfehle ich übrigens zu lesen, unabhängig davon, welchem Autorentyp Du angehörst.
2. Daneben gibt es sogenannte „Archäologen“ wie Stephen King, die am Anfang ihrer Geschichte zu schreiben beginnen und deren Story sich erst während des Arbeitsprozesses entwickelt. Stephen King schreibt in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“, dass er sich wie ein Archäologe fühlt, der ein Knöchelchen entdeckt und es auszugraben beginnt. Dabei hat er keine Ahnung, ob aus dem Knöchelchen letztlich ein Vogel, ein Raubtier oder ein Dinosaurier wird. Wer so arbeitet wie Stephen King, hat zu Beginn des Schreibens eine grobe Idee, der er folgt, lässt sich aber selbst überraschen, was daraus wird.
3. Und dann gibt es die breite Spanne der Mischtypen, die vereinzelt plotten und sich an anderen Stellen wieder vom Schreiben selbst tragen lassen.

Ein solcher Mischtyp bin ich selbst. Ich starte immer wieder den Versuch, einen Roman komplett durchzuplotten, aber die Geschichte verweigert sich mir dann. Ich kann immer nur über 20-30 Seiten plotten, d.h. über einen Sinnabschnitt. Erst wenn der geschrieben ist, kann ich die nächste Etappe angehen. Ich werde es für mich akzeptieren müssen, dass ich zu rund 80 Prozent Archäologe bin und nur zu etwa 20 Prozent Plotter.

Was bedeuten die Autorentypen fürs Überarbeiten?

Überarbeiten muss jeder Autor, aber der strukturierte Plotter muss definitiv deutlich weniger Zeit dafür investieren als der Archäologe — vorausgesetzt der Plot stimmt. Grundsätzlich macht es Sinn, vor dem eigentlichen Schreiben ein paar Gedanken auf die grundsätzliche Zielrichtung der Story zu verwenden. Egal ob Plotter oder nicht. Einen interessanten Ansatz dazu habe ich bei WritersWorkshop.de entdeckt, nämlich zuerst den Klappentext zu schreiben und sich erst dann an die eigentliche Geschichte bzw. den Plot zu setzen. Dann hat man nämlich ein konkretes Ziel, auf das man hin schreibt oder hin plottet. Und man hat bereits eine erste Klappentextversion, die man vor der Veröffentlichung nur noch unter Marketingaspekten umformulieren muss. Ein nicht zu verachtender Vorteil für Autoren, die sich oft schwer tun mit Werbetexten, weil diese so ganz anderen Gesetzen gehorchen.

Wie gehst Du nun beim Überarbeiten vor?

„Wozu die Frage? Wenn ich das Manuskript beendet habe, lese ich es mir gleich am nächsten Tag noch mal durch, korrigiere die Rechtschreibfehler, die mir auffallen, und schicke es den Testlesern. Deren Feedback arbeite ich ein, anschließend lade ich es bei KDP hoch und bewerbe es mit 99 ct. Wo ist da das Problem?“

So kannst Du vorgehen, aber ich rate Dir dringend davon ab. Warum, will ich im Folgenden begründen.

1. Abstand

Wer als Autor mehrere Monate oder gar Jahre an einem Manuskript gearbeitet hat, ist gewissermaßen mit dem Text verheiratet. Die Geschichte ist Teil seines Lebens, sein Baby. Es fehlt die nötige Distanz, daran chirurgische Eingriffe vorzunehmen, wie sie beim Überarbeiten notwendig sind. Der einzige Weg, Abstand zum Manuskript zu bekommen, ist es komplett zur Seite zu legen. Und das nicht nur von heute auf morgen, sondern mindestens vier bis sechs Wochen.

„Was? So viel Zeit habe ich nicht. Meine Bücher wollen auf den Markt!“

Das sollen sie auch, aber in optimaler Form. Und der Beginn der Überarbeitung heißt „Distanz“. Schließ die Datei, sichere sie angemessen und dann beschäftige Dich mit anderen Dingen. Entweder konzipierst Du ein neues Buch, überarbeitest ein anderes, älteres Manuskript, zu dem Du den nötigen Abstand hast, fährst in Urlaub oder machst etwas ganz anderes. Hauptsache ist, Du lässt das jüngste Baby ruhen. Vier bis sechs Wochen lang. Absolute Kontaktsperre! Das ist wichtig, um danach mit den Augen eines kritischen Lesers an den Text gehen zu können.

2. Figuren

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Glückwunsch, die Frist ist abgelaufen. Du darfst Dein Manuskript wieder zur Hand nehmen. Im ersten Schritt schaust Du nach den Figuren. Wie gut kennst Du Deine Hauptfiguren? Wie gut Deine Nebenfiguren? Beide sollten Dir so vertraut wie wirklich gute Freunde sein, sodass Du ohne Zögern verschiedenste Fragen über ihre Vorlieben, ihre Träume und ihre Vergangenheit beantworten könntest.

Gerade bei den Hauptfiguren solltest Du eine komplette Biografie haben. Wie war die Figur als Kind? Was hat sie erlebt? Hat sie Traumata erlitten? Hat sie Macken und Marotten? Was mag sie besonders? Was liest sie, was isst sie gerne? Hat sie Familie, Freunde, Feinde? Das sind nur ein paar Punkte als erste Anregung. Gute Hinweise zur Figurengestaltung gibt es in der Romanwerkstatt von Heike Fröhling und in folgenden Büchern:

  1. Sol Stein: Über das Schreiben.
  2. Sylvia Englert: So lektorieren Sie Ihre Texte. Verbessern durch Überarbeiten.
  3. Alexander Steele: Romane und Kurzgeschichten schreiben.

Auch dem Antagonisten bzw. Gegenspieler solltest Du reichlich Aufmerksamkeit schenken. Er sollte grundsätzlich nie ausschließlich böse sein. Er sollte sympathische Aspekte haben und eine ebenfalls möglichst komplette Biographie. Auch hierzu gibt es in den drei Fachbüchern Hinweise sowie bei Heike Fröhling einen hilfreichen Blogbeitrag.

Du benötigst die Biografie nicht, um sie vollständig in Deinen Roman zu übernehmen, sondern als Hintergrundwissen. Nur wenn Du Deine Figuren wie Dich selbst kennst, weißt Du, wie sie in bestimmten Situationen reagieren — ohne Logikbrüche.

Lerne Deine Figuren so ausführlich wie möglich kennen. Dann weißt Du, wie sie reagieren. [click & tweet]

3. Szenen-Tüv

Im nächsten Schritt gehst Du das komplette Manuskript durch und suchst nach schwachen oder überflüssigen Szenen. Dafür hast Du Dir den Text entweder komplett ausgedruckt oder als E-Book auf einen Reader geschickt. Rechtschreibfehler, fehlende Kommata, blöde Formulierungen darfst Du ignorieren. Noch ^^ Richte Dein Augenmerk ausschließlich darauf, ob jede einzelne Szene für die Entwicklung der Geschichte wichtig und notwendig ist. Passt sie zur Dramaturgie? Fördert sie die Entwicklung der Handlung? Passt sie zu den Figuren? Ist die Szene zielführend?

Wo auch immer Du zweifelst, und sei es nur ein bisschen, streich die Szene. Der eine wichtige Satz oder notwendige Inhalt, auf den Du nicht verzichten möchtest, kann auch in einem anderen Abschnitt unterkommen.

Wichtig zu erwähnen ist, dass Du die überflüssigen Szenen bitte auf dem Papierausdruck oder am Reader markierst, sie aber nicht sofort im eigentlichen Manuskript löschst. Sortiere sie aus, stelle sie ans Ende oder in eine eigene Datei, aber wirf sie nicht weg. Vielleicht willst Du noch mal einen Blick darauf werfen, brauchst die dort geschilderten Inhalte für eine andere Stelle oder in einem ganz anderen Projekt.

4. Exposé

Falls Du bis zu diesem Moment noch kein Exposé zum Buch geschrieben hast, wäre jetzt eine gute Gelegenheit, dies nachzuholen. Dann hast Du nämlich den roten Faden der Geschichte, anhand dessen Du die nächsten Überarbeitungsschritte des Textes angehst.

Hilfreiche Seiten zum Formulieren des Exposés findest Du hier:

  1. Textmanufaktur
  2. Vom Schreiben Leben

Zudem gibt es von Hans Peter Roentgen ein wirklich ausgezeichnetes Buch zum Exposé Schreiben: "Drei Seiten für ein Exposé - Schreibratgeber".

Und was mache ich jetzt?

Jetzt darfst Du Dir endlich das Gesamtmanuskript in puncto Inhalt und Sprache zu Gemüte führen. Allerdings ist dies ein weites Feld, das ich in einem weiteren Blogbeitrag beackern werde. ^^ Bis dahin viel Vergnügen beim Ausprobieren des ersten Überarbeitungsteils. Ich freue mich auf Dein Feedback dazu.

Weitere Artikel der Reihe

Teil 1: Grundsätzliches zum Überarbeiten und erste Schritte (Figurencheck, Szenen-TÜV & Exposé)

Teil 2: Feinschliff an Sprache und Inhalt

Teil 3: Testleser, Lektorat & Korrektorat

Teil 4: Cover und Buchsatz

Weitere Teile ergänze ich bei Bedarf.

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Kommentare: 2
  • #1

    Charlotte Stuhlmann (Dienstag, 11 Oktober 2016 00:57)

    Liebe Kari,

    Danke für diesen Beitrag, das war wirklich äußerst informativ und ich habe ganz gebannt gelesen. Jetzt mache ich mir allerdings Gedanken, ob es ein Fehler ist, während der Buchentwicklung (bin fast fertig mit der Rohschrift meines ersten Romans) schon vereinzelte Kapitel in meinen Blog zum Lesen zu posten :-)

    MfG Charlotte

  • #2

    Kari (Dienstag, 11 Oktober 2016 09:57)

    Liebe Charlotte,

    erst mal vielen Dank, dass Du so aufmerksam und intensiv meinen Blog und meinen Beitrag zum Überarbeiten studiert hast. Genau dafür verfasse ich solche Artikel.