Kann ich als Frau aus der Sicht eines Mannes schreiben?

Füße eines Mannes und einer Frau nebeneinander auf einem Boden aus Holzdielen.
Foto: pixabay.com

Bevor ich mit der Arbeit an »Liebe auf Schamanisch«, meinem letzten Roman, begonnen habe, habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich es wagen sollte, ein komplettes Buch aus der Perspektive der männlichen Hauptfigur zu schreiben. Außerdem wollte ich nicht irgendeine Geschichte erzählen, sondern die Fortsetzung einer Liebesgeschichte, in der nun die Beziehung der beiden Liebenden im Vordergrund stehen sollte. Kann man als Frau und als Autorin aus der Perspektive eines Mannes schreiben?, war für mich die große Frage.

Dass Männer und Frauen verschieden sind, wussten wir alle intuitiv schon immer; doch seit Erscheinen des Buchs »Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken« im Jahr 2000 brauchen wir über das Thema (eigentlich) nicht mehr zu diskutieren. Natürlich habe auch ich damals das Buch gelesen und mich köstlich amüsiert, mir aber mindestens genauso oft an die Stirn geschlagen und »Deswegen ist das so!« gestöhnt.

Wie sollte ich also vorgehen, um einer männlichen Hauptfigur eine Stimme zu verleihen?

Mein Weg, mich in die Figur hineinzuversetzen

Ich muss gestehen, dass »Liebe auf Schamanisch« nicht mein erster Versuch ist, aus der Perspektive eines Mannes zu schreiben; das tat ich bereits in meinem Erstling »Aus dem Blick«. Meine damalige Methode, mich komplett in die Rolle der Figur zu versetzen, habe ich diesmal noch ein Stück weiter ausgebaut: Nutzte ich 2003 die personale Sicht, d.h. die Sie-/Er-Perspektive, griff ich 2015 auf die Ich-Form zurück. Mit Hilfe mentaler Vorbereitung über innere Bilder und Meditation gelang es mir, komplett in Patricks Rolle zu schlüpfen und aus seiner Sicht zu schreiben — wann immer er im Buch zu Wort kam. Natürlich taucht auch seine Partnerin Christiane auf (ebenfalls in Ich-Form) sowie zusätzlich eine alte Schamanin, für die ich die personale Sicht gewählt habe, um für den Leser zu ihr ein wenig mehr Distanz einzubauen.

Bei dieser Art zu schreiben, ist klar, dass ich nicht linear vorgehen konnte. Deswegen habe ich »Liebe auf Schamanisch« auch nicht mehr von vorne nach hinten Szene für Szene und Kapitel für Kapitel in Word verfasst, sondern erstmals mit einer speziellen Autorensoftware (Scrivener) gearbeitet. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, szenenweise zu schreiben und erst im Nachhinein daraus einzelne Kapitel und später das ganze Buch zusammenzufügen.

In Scrivener szenenweise schreiben zu können war für mich wie ein Befreiungsschlag. [click&tweet]

Realistische Liebesszenen darstellen

Ein besondere Herausforderung — ja, ich nutze das Wort hier mit Absicht — waren in beiden Romanen mit männlichen Protagonisten die Liebesszenen, die ja nun auch aus der Perspektive des Mannes zu schreiben waren. Was geht in einer solchen Situation in einem Mann vor? Insbesondere in einem Mann, der blind ist (»Aus dem Blick«) bzw. eine fast schon panische Angst vor Nähe hat (»Liebe auf Schamanisch«). Das zu erforschen hat mir die größte Freude während des Schreibens bereitet, schließlich sollte ein dreidimensionaler Mensch entstehen, ein Mann mit all seinen Wünschen, Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten. Ob mir dies letztlich gelungen ist, müssen meine Leser und Leserinnen entscheiden. Über Feedback, auch in Gestalt von Rezensionen, bin ich deswegen immer sehr dankbar.

Übrigens ...

… ist dieser Beitrag die gekürzte Version meines Februar-Newsletters. Falls Du an ausführlicheren Informationen zu mir, meiner Arbeit und meinen Büchern interessiert bist, lade ich Dich herzlich ein, Dich zu meinem monatlichen Newsletter anzumelden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Vera Nentwich (Dienstag, 08 März 2016 09:52)

    Liebe Kari,
    als Frau mit männlichem Migrationshintergrund kann ich dir sagen, dass manche Unterschiede auch herbeigeredet werden. Es gibt schon erhebliche Schnittmengen. Ich fand es in der Zeit meines Wechsels immer interessant, dass Dinge, die ich früher als Mann getan hatte, damals völlig normal als männlich ankamen. Jahre später kamen die gleichen Dinge völlig normal als weiblich an.
    In der persönlichen Begegnung kommt noch dazu, dass wir in Bruchteilen von Sekunden unser Gegenüber einordnen. Da das Geschlecht gemeinhin als unveränderbar angenommen wird, wird die geschlechtliche Einordnung des Gegenübers sehr fix angelegt und automatisch alles, was er sagt oder tut, automatisch auch diesem Geschlecht zugeordnet. Ich bin mittlerweile, dass es DAS männliche oder DAS weibliche Denken gar nicht gibt. Und glaube mir, ich habe sehr lange darüber nachgedacht, ob ich denn nun weiblich oder männlich denke. :-) Es sind im Regelfall Klischees und es gibt für jedes genügend Gegenbeispiele. Also habe ich längst aufgehört, darüber nachzudenken, ob ich meine Figuren nun typisch männlich oder weiblich handeln lasse. Ich lasse sie so handeln, wie ich es in diesem Moment als organisch und passend empfinde. Figuren, die nicht vorhersehbar handeln, sind doch sowieso viel interessanter. :-)
    Herzlichen Gruß,
    Vera

  • #2

    Kari (Dienstag, 08 März 2016 10:22)

    Liebe Vera,
    so habe ich das noch nie gesehen, und das meine ich wirklich so! Danke vielmals für deine Gedanken; wirklich sehr interessant. Vielleicht habe ich im Nachhinein einfach nur zu viel über das Thema sinniert: »Darf ich das?« bzw. »Kann ich das«.
    Tun ist besser als die Flausen still im Kopf zu wälzen.
    In diesem Sinn: lieben Gruß,
    Kari